Amoklauf von Dossenheim : Täter schoss sogar auf seine eigene Ehefrau

Das Motiv des Täters bei der Schießerei in Dossenheim scheint ein Streit um die Nebenkosten seiner Eigentumswohnung gewesen zu sein. Inzwischen wurde bekannt, dass der Sportschütze sogar auf seine eigene Frau schoss. Unterdessen fordern Verbände und Politiker Konsequenzen.

Ein Beamter der Spurensicherung zeigt nach dem Amoklauf in Dossenheim in die mögliche Schussrichtung.
Ein Beamter der Spurensicherung zeigt nach dem Amoklauf in Dossenheim in die mögliche Schussrichtung.

Unter den verletzten Opfern des Amoklaufs von Dossenheim ist auch die Ehefrau des Täters. Die 70-Jährige sei eine der fünf Verletzten, sagte der Leiter der Heidelberger Staatsanwaltschaft, Alexander Schwarz, am Mittwoch. Die Toten sind zwei 82 und 54 Jahre alte Männer, beide Mitglieder der Wohnungseigentümergemeinschaft. Nach Angaben des Einsatzleiters der Polizei, Siegfried Kolmar, gab der Schütze insgesamt 17 Schüsse ab.

Außerdem wurde bekannt, dass der Amokläufer von Dossenheim bei Heidelberg Sportschütze war. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sagte am Mittwoch in Sindelfingen: „Es war wieder ein schrecklicher Vorfall, bei dem ein Sportschütze beteiligt war.“ Der Mann benutzte bei der Tat eine großkalibrige Pistole, erklärte das Innenministerium. Insgesamt besaß er legal sieben Waffen. Gall forderte erneut das Verbot großkalibriger Waffen. Diese benötigten Sportschützen nicht, sagte der Minister. Menschen, die Schießsport betrieben, müssten „intensiv kontrolliert“ werden. Er könne nicht glauben, dass so ein Mann nicht vorher schon einmal aufgefallen ist.
Die fünf bei der Schießerei verletzten Menschen sind mittlerweile außer Lebensgefahr. Das sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch in Heidelberg.

Streit um Nebenkosten

Das Motiv für den Amoklauf war ein Streit um die Nebenkosten seiner Eigentumswohnung. Wie der Leiter der Heidelberger Staatsanwaltschaft, Alexander Schwarz, am Mittwoch sagte, fühlte sich der Mann betrogen von den Miteigentümern, die sich am Dienstagabend zu einer Eigentümerversammlung getroffen hatten. Der Mann habe sich bis zu seiner Tat nichts zuschulden kommen lassen. „Er hat bisher völlig unauffällig gelebt.“ Ein älterer Mann erzählt, er habe auf der Gaststättenterrasse im ersten Stock gesessen, als er etwa 10 bis 15 Schüsse gehört habe. „Wir waren wie verdattert. Danach war es ganz still. Dann sind alle runtergerannt.“ „Sonst ist es eine Sensation, wenn ein Fahrrad geklaut wird, jetzt wird auf einmal geschossen“, sagt ein Ladenbesitzer.

Nicht der erste Fall

Der Mann war wegen des Streits bei der Versammlung vom Verwalter der Eigentümergesellschaft des Raums verwiesen worden. Kurz darauf kam er zurück, rief „Ich bring euch alle um!“ und eröffnete mit einer großkalibrigen Pistole das Feuer. Zwei 82 und 54 Jahre alte Männer starben. Auch die 70-jährige Ehefrau des Schützen, die mit in der Versammlung im Nebenraum einer Sportgaststätte saß, wurde verletzt. Anschließend erschoss sich der Mann selbst. Die Versammlung mit acht Personen wurde im Raum eines Dossenheimer Sportvereins abgehalten. Die Verletzten waren in umliegende Krankenhäuser gebracht worden. Andere Teilnehmer der Versammlung mussten psychologisch betreut werden. Insgesamt 50 Vereinsmitglieder und Gäste waren zum Tatzeitpunkt auf dem großen Areal, darunter auch Kinder.

In Deutschland verübten Sportschützen bereits mehrfach Gewalttaten mit ihren Waffen. Dies löste immer wieder heftige politische Debatten aus. Im September 2010 hatte eine Sportschützin im südbadischen Lörrach ihren Ehemann, den fünfjährigen Sohn sowie den Pfleger eines Krankenhauses getötet. Sie selbst wurde von der Polizei erschossen. Sie hatte mehr als 300 Schuss Munition dabei und schoss wild um sich.
Die neue Tat weckt auch Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden und Wendlingen. Am 11. März 2009 hatte der 17-jährige Tim K. an seiner ehemaligen Schule und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen. Er hatte die Waffe von seinem Vater, einem Sportschützen.

Aktionsbündnis fordert strengere Regeln

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden dringt nach der Bluttat in Dossenheim auf schärfere Waffengesetze. Die Waffen von Sportschützen müssten endlich zentral aufbewahrt und besonders gesichert werden, sagte Hardy Schober vom Aktionsbündnis. „Hätte er keinen Zugriff auf die Waffe gehabt, wäre es nicht zu der Tat gekommen.“ Bereits 2007 habe das Bündnis diese Forderung klipp und klar formuliert. Es sei ärgerlich, dass die Bundesregierung nicht endlich handele.
Auch die Südwest-Grünen forderten ein Verbot großkalibriger Waffen. „Immer wieder werden Menschen getötet und anschließend passiert nichts, das darf einfach nicht wahr sein“, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion Uli Sckerl.
FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke hingegen warnte vor „reflexhaften Forderungen“ nach der Verschärfung von Gesetzen und davor Sportschützen und Jäger potenziell zu kriminalisieren.

Die diversen Debatten führen schon zu schärferen Gesetze: 2002 etwa stieg die Altersgrenze für Kauf und Besitz von Schusswaffen bei Sportschützen von 18 auf 21. (dpa,afp)

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