Welt : Amoklauf von Erfurt: Ein Gag, der keiner war

Kurt Sagatz

Die Fälschung hatte nicht lange Bestand: Am späten Sonntagabend wurde "Roberts Weltnetzseite", die - wie vom Tagesspiegel berichtet - nur Stunden nach dem Amoklauf von Erfurt von einem anonymen Internet-Nutzer im Namen des Attentäters ins World Wide Web gestellt wurde, aus dem Netz entfernt. "Nachdem ich feststellen musste, dass sich viele Leute die Sache zu sehr zu Herzen genommen haben und den Gag nicht verstehen konnten, habe ich die Seite heruntergenommen. Mir ist klar geworden, dass es ein ziemlich blöder Fehler war, sich mit einer gefakten Homepage über die Motive und die Tat lustig zu machen", erklärte der Fälscher und setzte fort: "Ich entschuldige mich ausdrücklich bei all jenen, die sich betroffen fühlten."

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Einem anderen Besucher der Website war dies als Entschuldigung offensichtlich nicht genug. Er hackte die Seite und setzte seinen eigenen Kommentar darauf. Seither ist unter der Adresse www.webpost.net/pu/pumpgun zu lesen: "Niemand ist im Internet anonym. Und wer sich die Frechheit herrausnimmt mit dem Schicksal anderer ein solches makaberes Spiel zu spielen, gehört in den Knast und hart bestraft." Doch ob die angegebene E-Mail-Adresse, die der Fälscher angegeben hatte, echt war, darf bezweifelt werden. Eine Antwort darauf steht noch aus.

Das Auftauchen der Webseite hatte am Sonntag zu erheblichen Irritationen geführt. Obwohl das Protokoll der Seite mit den Entstehungsdaten der Homepage sowie die hinterlegten Zusatzinformationen für die Suchmaschinen nur den Schluss zuließen, dass es sich dabei nur um eine Fälschung handeln konnte, ging die Erfurter Polizei während des Tages davon aus, dass es tatsächlich die eigene Homepage des Amokläufers sein könnte, auch wenn eine Fälschung nicht ausgeschlossen wurde. Mehrere Fernsehsender berichteten ausführlich über die Homepage, auf der indirekt der Amoklauf angekündigt wurde. Der Fälscher hatte sich zudem auf der Seite über Steinhäusers angebliche Vorlieben für Gewaltspiele ("Counterstrike") und Ninja-Krieger sowie seine Abneigungen gegen Erfurt, seine Schule und die Lehrerschaft ausgelassen.

Mit welchen einfachen Mitteln der Fälscher aus frei verfügbaren Materialien - der amerikanische Provider setzt nur auf eine automatisierte Prüfung der Nutzer-Identität, Fotos und Hintergründe zur Person von Robert und zum Tathergang sind leicht zu besorgen - die Website erstellen konnte, zeigt, wie wenig verlässlich ungeprüfte Informationen aus dem Netz sind. Und es zeigt sich, wie recht der Hacker mit seiner Äußerung über die nicht vorhandene Anonymität im Netz haben könnte. Denn zufällig verbarg sich hinter einem Link auf Steinhäusers angeblicher Homepage eine weitere Seite über den Schwarzenegger-Film "Der Terminator". Das Interessante daran: Diese ist bei dem gleichen, in Deutschland weitgehend unbekannten Provider gehostet wie die gefälschte Webseite.

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