Amstetten : Inzest - das universellste aller Tabus

24 Jahre lang hat in Amstetten die Familienfestung gehalten - "Normalität" ist nun nicht mehr denkbar. Warum der Fall des Doppellebens und der eingesperrten Zweitfamilie das emotionale Fassungsvermögen übersteigt.

Caroline Fetscher
Amstetten
Festung für Jahrzehnte: Das Haus in Amstetten. -Foto: dpa

Die Kinder der E. Fritzl wurden im Lauf von zwei Jahrzehnten vom Vater der Mutter gezeugt. Seine unterirdische Familie hielt der Österreicher in einem Kellerverlies fest, das er eigens eingerichtet hatte. Jenseits von Recht und Sonnenlicht hausten sie dort unter Verhältnissen, in denen die Würde des Menschen nicht existiert. Ein Dauerklima von Ausgeliefert- und Eingesperrtsein, Sadismus, Zwang und sexueller Gewalt stellte die „Normalität“ dieser Familie dar, angesichts derer ein Begriff wie „traumatisch“ nahezu hilflos wirkt. Parallel zur schier unmöglich scheinenden Bewältigung einer solchen Kellerkindheit in den Händen eines Kriminellen werden die Kinder zusätzlich ihr Leben lang mit den Tatsachen und Ursachen ihres Entstehens aus einem monströsen Tabubruch zu tun haben. Inzest, erst recht erzwungener Inzest, sprengt den Rahmen des Gesetzes, der symbolischen Ordnung, der Abfolge der Generationen, der Basis des Gesellschaftlichen und Sozialen.

Die Kinder der E. Fritzl haben eine Mutter, die zugleich ihre Halbschwester ist. Ihr Vater ist zugleich auch ihr Großvater, ihre Geschwister sind zur selben Zeit ihre Onkel und Tanten. Noch für ihre eigenen Nachkommen wären die Verwandtschaftsverhältnisse zueinander kaum zuzuordnen. Für die zutiefst verwirrenden Verwandtschaftsgrade solcher Inzestkinder kennt unsere Sprache keine Begriffe. Es dürfte solche Verwandtschaftsverhältnisse aus moralischen und rechtlichen Gründen eigentlich gar nicht geben. Gewaltsamer Inzest, als dessen Folge Kinder geboren werden, stellt die Welt auf den Kopf, wie kaum ein anderes Vergehen.

Ungeheuerliches Szenario

E. Fritzl lebte mit dreien ihrer Kinder in einem Untergrund, einem emotionalen Abgrund den ihr eigener Vater geschaffen hatte, ein ausbruchsicheres Privatgefängnis für die in sexueller Sklaverei gehaltene Tochter und drei der nach Inzest mit dem Täter geborenen Kinder, der neunzehnjährige K., dem achtzehnjährigen S. und dem fünf Jahre alten F.. Drei weitere Kinder hatte der Täter ans Tageslicht geholt und in Pflege genommen, ein nach der Geburt gestorbenes Kind im Ofen verbrannt. Der Mann habe den Säugling im Heizofen „entsorgt“, führte ein Kriminalbeamter auf der ersten Pressekonferenz aus, und gab mit seiner technischen Wortwahl der Gefühlsabwehr Ausdruck, die dieses ungeheuerliche Szenario in einer europäischen Provinzregion bei vielen auslöst.

Denn das Inzestverbot ist eine universelle, gesellschaftliche Institution. Sie existiert überall auf der Welt. Keine Gruppe, kein Stamm, kein Staat und Gesetzbuch, die dieses Verbot nicht achtet, wie Sigmund Freud 1913 in „Totem und Tabu“ erkannte. Anhand ethnologischer Feldforschungsberichte machte er „ Inzestscheu“ und „Inzestempfindlichkeit“ auf allen Kontinenten ausfindig, bei den Aborigines in Australien, auf den Fiji-Inseln wie „bei den Zulukaffern“ in Afrika. Dabei erkannte er im Inzestverbot eine „Verhütungsabsicht“, die der ödipalen „Phantasieversuchung“ einen Riegel vorschieben soll, welche ebenso universell anzutreffen ist.

In seltenen Fällen erlangte Inzest einen minimalen Grad an Akzeptanz. Dynastische Taktiker verehelichten nahe Verwandte, um Herrschaftsbereiche, Grundbesitz und Vermögen zu verkoppeln. In abgelegenen Bergregionen, wie in manchen Schwarzwalddörfern, die ganze Winter über von der Außenwelt abgeschnitten waren, brachten Witterung und Lage einen sexuellen Notstand hervor, der das Triebleben auf Abwege – und in die eigenen Familie – lenken konnte. Gutgeheißen, offiziell sanktioniert wurden solche Tabubrüche nie, allenfalls kollektiv beschwiegen und übergangen.

Im Inneren der Festung

Der „Beischlaf unter leiblichen Verwandten“ ist auch nach österreichischem und deutschem Recht ein Straftatbestand, geschieht aber dennoch. Dunkelziffern sind hoch. Der Düsseldorfer Psychiater und Analytiker Mathias Hirsch schreibt in seiner Studie „Realer Inzest. Psychodynamik des sexuellen Missbrauchs in der Familie“ (1993) von einer „paranoiden Familienfestung“ in Inzest- und Missbrauchsfamilien. Im Innern dieser Festung geschieht, was paradoxerweise zugleich verboten ist und erzwungen wird: Sexuelles Handeln zwischen engsten Verwandten, in der Regel zwischen einem missbrauchendem Elternteil als Täter und dem Kind als dessen Opfer. Zur typischen Abwehrhaltung des Täters oder der Täterin, die von ihrer emotionalen Ausbeutung des Kindes nichts wissen wollen, gehören Erklärungen, die das Opfer belasten. „Sie hat es selber so gewollt“ , „sie/er hat mich gereizt“, „das Kind hat mich verführt.“

In dem preisgekrönten Film des Dänen Thomas Vinterberg „Das Fest“ klagt ein Sohn auf einer Familienfeier den Vater vor aller Ohren an, ihn und seine Schwester Linda, die sich das Leben nahm, als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Da platzt aus dem Vater der Satz heraus, der seine Sicht entlarvt: „Mehr wart ihr nicht wert!“ Wer als Opfer oder als Angehöriger von Opfern einen Inzest preisgibt, oder auch nur den Verdacht äußert, er existiere, der erntet den Vorwurf, dass er „die Familie zerstört“ – dabei wurde sie längst zerstört, und erst die Offenlegung macht Heilung am Horizont möglich. Doch Inzest ist ein Tabu – und das Tabu zu brechen ist ebenfalls tabu – und gelingt selten, weshalb die Dunkelziffer so hoch geschätzt wird.

Terror über und unter der Erde

24 Jahre lang hat in Amstetten die massive, paranoide Familienfestung gehalten. Und dieser spezifische Inzest-Kerker in Niederösterreich bewegt, erregt die Öffentlichkeit akuter, als Tausender der Verliese und Haftanstalten in Aberdutzenden von Ländern der Erde. Auch wenn dort Folter und Übergriffe von Gefangenen zum Alltag gehören, wenn Steinigungen von Ehebrecherinnen, das öffentliche Erhängen von Homosexuellen, physische und psychische Gewalt als Strategien etabliert sind, mit denen Machthaber Kontrollerhalt verfolgen. Von horrenden Vorgängen in undemokratischen Ländern rund um die Erde zeugen Hunderttausende Dokumente, wie sie Amnesty International oder Human Rights Watch zusammenstellen. Trotzdem berühren diese Berichte Medien und Publikum weniger, als die Existenz einer Mikrodiktatur, die ein niederösterreichischer Rentner in seinen beiden terrorisierten Familien über und unter der Erde allein errichtet hat. Weil in ihr ein Tabu gebrochen wurde, das, so wusste nicht nur Freud, die Welt zusammenhalten muss. An der Faszination und Schaulust, am seichten Empörungsgenuss wie an der wahren Abscheu, die Nachrichten wie jene aus Amstetten auslösen, könnte eine Gesellschaft, wenn sie wollte, ihren eigenen Abgrund ausmessen.

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