Welt : An der Nase herumgeführt

Italiens Restaurantkritiker testen längst nicht alles, was sie beschreiben

Thomas Migge[Rom]

„Geh in ein Drei-Sterne-Haus wie beispielsweise im norditalienischen Crodo, da gibt es sogar einen Swimmingpool und eine Sauna“. Dort gehe es familiär zu, sagt Edoardo Raspelli, „aber der Komfort ist weitaus besser als in vielen Vier-Sterne-Hotels“. Und doch, fügt er hinzu, „keiner der Guides spricht über dieses Drei-Sterne-Haus in Crodo. Das ist doch skandalös“.

Eduardo Raspelli ist nicht irgendein Kritiker von Hotels und Restaurants. Der dickbäuchige Mann mit der spitzen Zunge ist Italiens Kritikerpapst. Gefürchtet sind seine Testbesuche. Fällt er ein vernichtendes Urteil, dann bleiben Gäste aus.

Jetzt hat Raspelli wieder zugeschlagen. Doch dieses Mal kritisiert er seine Kollegen. Die Macher von Gastro- und Hotelführern. Der Mann, der jahrelang den populären Restaurantführer der Zeitschrift „Espresso“ als Direktor leitete, nahm die vier in Italien meistverkauften Exemplare unter die Lupe. Neben dem „Espresso“ sind das der „Michelin Italia“, der auch ins Deutsche übersetzte „Veronelli“ sowie der Hotel- und Gaststättenführer der Autofahrerzeitschrift „Quattroroute“.

Raspellis Urteil nach einer genauen Lektüre der Guides ist fürchterlich. „Sie sollen sich schämen“, schimpft er, „meine Damen und Herren Kollegen!“ So entdeckte er zum Beispiel im Fall des „Michelin Italia“, dass ganze acht Personen die Aufgabe haben, 4000 Hotels zu testen. „Wie machen die das in einem Jahr?“, fragt sich Raspelli und wundert sich deshalb nicht, „dass da Urteile aufgestellt werden von Leuten, die viele Unterkünfte nie wirklich gesehen haben“. Es verwundert ihn auch, dass die Michelin-Tester nicht anonym arbeiten. Er selbst hat oft miterlebt, wie sich die Mitarbeiter des berühmten französischen Guides in einem Hotel präsentierten und neben ihrem Namen auch das Zauberwort „Michelin“ fallen liessen – woraufhin jeder Tester umgehend wie ein kleiner König behandelt wird und nicht mehr wie Otto Normalverbrauber.

Beim „Espresso“ 2003 fand Edoardo Raspelli heraus, dass eine Vielzahl von Restaurants rezensiert und empfohlen wird, die schon seit Jahren geschlossen haben. Der Restaurant-Guide von „Veronelli“ lobt, so Raspellis Kritik, „Köche in den Himmel, die nichts Besonderes auf die Beine stellen, sondern nur Freunde des Herausgebers sind“.

Auch versteckte Werbung fand er bei seiner Analyse. So wird zum Beispiel im „Espresso“ das Café Illy des gleichnamigen Kaffeerösters in Triest mit besonderem Lob erwähnt. „Kein Wunder“, schimpft Raspelli, „denn schließlich sind einige Mitglieder der Familie Illy Autoren beim „Espresso“-Guide.

„Erstaunlich ist auch“, klagt er, „dass sich in den Ausgaben 2003 des „Michelin Italia“ und des „Espresso“ zahlreiche Adressenbeschreibungen wie ein Ei dem anderen gleichen. Scheinbar, vermutet er, haben „die voneinander abgeschrieben“. Raspelli fordert mehr Seriosität bei den Autoren dieser Giudes. „Seriosität“, meint er, „die die Käufer solcher Bücher, die um die 30 bis 40 Euro kosten, doch bitteschön erwarten dürfen“.

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