Anders als Viagra : Sex-Stimulanz für Frauen

Die Substanz Flibanserin steigert das sexuelle Verlangen – der Hersteller Boehringer Ingelheim strebt nun die Zulassung an.

Hartmut Wewetzer

Als „rosa Viagra“ oder „Viagra für die Frau“ geistert der Wirkstoff Flibanserin schon seit einiger Zeit durch das Internet. Jetzt wurden die Ergebnisse von Zulassungsstudien für Flibanserin auf einem europäischen Sexualmedizinerkongress in Lyon vorgestellt. Danach steigert der Wirkstoff tatsächlich das sexuelle Verlangen („Libido“) von Frauen. Probandinnen sprachen von einer höheren Zahl befriedigender Sexualkontakte.

Flibanserin ist jedoch nicht einfach ein „weibliches Viagra“, es wirkt ganz anders. Die Substanz soll Frauen vor den Wechseljahren helfen, die unter sexuellem Desinteresse leiden. Weltweit habe fast jede zehnte Frau in diesem Lebensabschnitt damit zu kämpfen, sagte eine Sprecherin des Herstellers Boehringer Ingelheim dem Tagesspiegel. Damit ist der Unterschied zu Viagra bereits umrissen: Wer als Mann die erektionsfördernde blaue Tablette einnimmt, der „will, kann aber nicht“. Eine Frau, für die Flibanserin infrage kommen könnte, „will nicht“ – und hat ein Problem damit.

Dementsprechend verschieden ist der Wirkmechanismus. Viagra steigert die Durchblutung des Penis, Flibanserin dagegen setzt an den Lustzentren im Gehirn an. Zumindest eine Gemeinsamkeit haben die Substanzen aber; wurden sie doch beide eigentlich für ganz andere Zwecke entwickelt. Viagra war zunächst als Mittel gegen Herzleiden im Gespräch, Flibanserin als Wirkstoff gegen Depressionen.

Die jetzige Haupt- war zunächst eine „Nebenwirkung“. Frauen, die Flibanserin gegen Depressionen einnahmen, gaben das Mittel nach Ende der Tests nur ungern zurück. Das war einer der Gründe dafür, dass die Arzneitester auf die libidosteigernde Wirkung der Substanz aufmerksam wurden. Nach den auf dem Kongress vorgestellten Studien wurden knapp 1400 Frauen in Nordamerika über zwei Jahre entweder mit Flibanserin oder einem Scheinmedikament (Placebo) behandelt. Vor Beginn der Tests hatten die Frauen im Mittel 2,8 befriedigende Sexualkontakte im Monat. Nahmen sie Flibanserin ein, stiegen diese auf 4,5, unter Placebo immerhin auf 3,7. Der Unterschied zwischen Wirkstoff und Scheinmedikament ist jedoch statistisch bedeutsam. Auch das sexuelle Verlangen stieg deutlich an, wie Eintragungen der Frauen in einem elektronischen Tagebuch belegten.

Anders als Viagra muss Flibanserin täglich eingenommen werden. Als Nebenwirkungen wurden unter anderem Schläfrigkeit, Erschöpfung, Benommenheit und Angstgefühle registriert, nach Ansicht der Untersucher hielten sich die unerwünschten Wirkungen aber in Grenzen.

Zu geringes sexuelles Verlangen sei eine Störung, die für eine Frau eine erhebliche Belastung bedeute und ihr Selbstwertgefühl schwächen könne, sagte Anita Clayton, Psychiaterin an der Universität von Virginia und eine der Autorinnen der Hauptstudie. Die Ergebnisse belegten, dass man „aufregende Fortschritte“ bei der sexuellen Gesundheit der Frau gemacht habe. Dies sei ein „Meilenstein“ für ein unterschätztes Problem, für das es noch keine offizielle Arzneitherapie gebe.

Manche Kritiker sehen das anders. Sie werfen der Pharmaindustrie vor, Störungen regelrecht zu erfinden, um neue Märkte für Medikamente zu erschließen. So werde die Bedeutung von weiblichen Libidostörungen übertrieben. Zudem löse ein Medikament nicht die oft komplizierten seelischen oder sozialen Probleme, die sexuellen Störungen zugrunde liegen würden, etwa Stress oder ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper.

„Man sollte Frauen zuhören, die das Problem haben“, kontert die Sprecherin von Boehringer Ingelheim. „Da gibt es einen dringenden Bedarf, das ist keine erdachte Erkrankung, sondern ein echtes Problem.“ Auch seien es nicht etwa die Männer, die ihre Partnerinnen zu einer Behandlung drängten. „Die Frauen wollen selber etwas tun.“

Boehringer Ingelheim strebt nun die Zulassung von Flibanserin an. Wann die Arzneimittelbehörden diese erteilen, ist jedoch noch unklar. Die Prognose, in 18 Monaten könne das Mittel auf dem Markt sein, wollte die Sprecherin nicht bestätigen. „Das kann schneller gehen, aber auch länger dauern.“

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