Andrea Berg : Der unbekannte Superstar

Sie meidet Talkshows - und die Anfragen stapeln sich. Die Schlagersängerin Andrea Berg hat sieben Millionen Platten verkauft – ohne große PR-Maschinerie.

Tobias Schall
Berg
Andrea Berg scheut sich nicht vor großen Gefühlen. -Foto: dpa

Andrea Berg sitzt im Raum 2.01.32. der Bamberger Jako-Arena. Sie trägt einen Rock, Stiefel und ein schwarzes Oberteil. Um den Hals baumelt ein großes Kreuz. In eineinhalb Stunden wird sie hinausgehen auf die Bühne. Der Saal ist ausverkauft. Wie immer. Sie ist nicht nervös, im Gegenteil. Routine, nach unzähligen Auftritten in den vergangenen Jahren in Deutschland, Österreich, der Schweiz.

Die Sängerin selbst würde nicht von Routine sprechen, weil das nach Arbeit klingt, nicht nach Passion. „Jeder Abend ist etwas ganz Besonderes. Ich spüre bei Konzerten die Verbindung zu den Menschen. Manche begleiten mich schon seit vielen Jahren überall hin“, sagt die 41-Jährige: „Für mich ist jedes Konzert von neuem schön, weil es niemals selbstverständlich ist, dass sich 4000 Menschen an eine Stelle bewegen, um den Vorhang aufgehen und Andrea Berg rauskommen zu sehen. Das macht mich jedes Mal ehrfürchtig und dankbar.“

Die einmalige Erfolgsgeschichte der Sängerin mit der so schönen Stimme ist eine typische Schlagergeschichte, eine deutsche Geschichte. Offiziell mag niemand diese Musik. Schlager sind, igitt, nicht hipp, nicht cool, höchstens mit viel Alkohol. Keiner hört sie, schon gar nicht den Berg-Schlager, der sich selber noch ernst nimmt. Aber die Hallen sind voll. Jahr für Jahr. Sie hat sieben Millionen Platten verkauft und dem Plattenriesen BMG satte Gewinne beschert. Ohne jegliche Werbung.

Um den Schlager und um Volksmusik allgemein ist es im öffentlichen Urteil schlecht bestellt. Aber für die Plattenfirmen ist der Schlager ein lukratives Geschäft, weil der Schlagerfan ein guter Kunde ist: Er kauft noch Platten, anstatt alles aus dem Netz herunterzuladen. Andrea Berg kann bis zu 40 000 Euro pro Auftritt verlangen, aber keinen Respekt.

Sie sagt, dass sie stolz ist. Auf ihre Fans und ihren Erfolg. „Das ist Wahnsinn, oder?“, fragt sie. Seit 314 Wochen hält sich ihr „Best-of“-Album mittlerweile in den deutschen Charts. Mehr als jede andere Platte in der deutschen Musikgeschichte, mehr als jedes Album in einer solchen Rangliste weltweit. Andrea Berg ist erfolgreicher als Pink Floyd – deren Platte „Wish you were here“ war 312 Wochen in den Charts. Besser als die Beatles mit „1962-1966“ (297 Wochen) und „1967-1970“ (285 Wochen). Das alles ganz ohne gewaltige PR-Maschinerie. Sie wird kaum plakatiert, tritt nicht bei „Wetten, dass ...“ auf, höchstens in einer Volksmusiksendung. „Das ist einfach schön“, sagt die gelernte Krankenschwester, geboren und aufgewachsen in Krefeld. Auf der Intensivstation und der Onkologie hat sie gearbeitet. Sie kennt das Leben, den Tod. Es ist ihr Erfolgsrezept. „Ich bin authentisch, ich spiele den Leuten nichts vor. Das merken die Fans.“ Sie spricht von Gefühlen, von Angst, Liebe, Trauer. Die Menschen lieben Andrea Berg, weil sie bodenständig und bescheiden ist, nicht affektiert.

„Ich bin jetzt 16 Jahre unterwegs mit Liedern, die das Leben schreibt“, sagt sie. Manchmal spricht sie wie aus einem Schlager. Ihre Konzerte sind eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Liebe, Lust, Angst, Trauer, Verlust, Spaß. Sie beherrscht die Klaviatur der Emotionen wie kaum eine andere. Sie bekam ein Kind, war verheiratet, ließ sich scheiden, vergangenes Jahr nun hat sie wieder geheiratet: Uli Ferber, Hotelier und Berater von Fußballspielern (Mario Gomez, Serdar Tasci, Alexander Hleb). Sie wohnt mit ihm in Kleinaspach unweit von Stuttgart. Sie hat die Hochzeit nicht einem Klatschmagazin verkauft, sondern auf ihrer Homepage öffentlich gemacht. Es sollte ein Dank an ihre Fans sein.

Die haben es schwer genug. Das ZDF hat für 2008 der deutschen Musik die Trompete zugestopft. Marianne und Michael verschwinden aus dem Programm; es wird zwölf Volksmusiksendungen weniger geben. Die Lobbyisten des deutschen Liedguts überlegten sogar, den Sender wegen Diskriminierung zu verklagen. Manfred Knöpke, verheiratet mit der Schlagersängerin Gaby Baginsky, meint: „Wenn die Sender alle Volksmusikshows aus dem Programm nehmen, weil ihnen die Zuschauer zu alt sind, werden gleich mehrere Bevölkerungsschichten ausgegrenzt.“ Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlager und Volksmusik e. V. – ein Interessenverband mit 12 000 Mitgliedern.

Andrea Berg zuckt mit den Schultern. Was soll sie machen? Es ärgert sie, belächelt statt respektiert zu werden. „Es ist dieses typisch deutsche Schubladendenken. Ich finde, dass man jede Art von Musik mit Respekt behandeln sollte – ob man sie mag oder nicht.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Dieses Jahr gewann sie den „Echo“ in der Kategorie Schlager, den wichtigsten deutschen Musikpreis. Zum vierten Mal. Millionen verfolgten die Übertragung im Fernsehen. Als Andrea Berg gewürdigt wurde, schaltete RTL zur Werbung. Hinter der Bühne flossen Tränen.

Es ist ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits die mangelnde Wertschätzung, andererseits ist sie froh, kein öffentlicher Mensch zu sein. Das Blitzlichtgewitter ist nicht ihre Welt, vor der Echo-Preisverleihung lief sie bewusst nicht den roten Teppich entlang. Sie könnte jeden Abend in irgendeiner Talkshow sitzen. Sie könnte sich mit ihrer Tochter beim Plätzchenbacken in der „Bunten“ ablichten lassen. Die Anfragen stapeln sich bei ihrem Manager. Kerner und Beckmann melden sich in regelmäßigen Abständen. Sie wäre ein toller Gast. Sie könnte Geschichten aus dem Hospiz in Krefeld erzählen, vor Millionen Menschen erklären, warum sie sich auch heute als erfolgreiche Musikerin noch dort engagiert, wo das Leben seine Schattenseite zeigt. Andrea Berg lehnt alle Einladungen ab. Sie ist der Eremit unter den Musikstars. Warum? „Das bringt mir nichts und der Oma im Hospiz auch nicht, wenn ich dort irgendwelche rührenden Geschichten erzähle.“

Andrea Berg geht auf die Bühne. Es ist 20 Uhr. Die Halle tobt.

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