Welt : "Angel Mike": Fast so etwas wie Liebe

Regine Beckmann: Angel Mike. Roman. Beltz & Ge

Sandra hat das Abitur in der Tasche und alles weitere ist offen. Grenzenlose Freiheit, endlich das zu tun, was man gerne möchte. Sie will zu Bekannten nach Frankreich trampen, doch eine adrett gekleidete Mittramperin im französischen LKW, Margaret, überredet Sandra, mit ihr nach Wales zu reisen.

Regine Beckmann hat ihr Romandebüt "Angel Mike", für das sie kürzlich den Peter-Härtling-Preis für Kinder- und Jugendliteratur der Stadt Weinheim bekam, zunächst als eine Trampergeschichte zweier jungen Frauen angelegt, in der Mike zunächst gar nicht vorkommt. Und Wales ist nun nicht gerade das Fleckchen Europa, das in aller Munde ist. Die Autorin spielt mit dem Unbekannten, dem Fremden. Und sie bürstet dieses Fremde gegen das Klischee. Natürlich lebt Margaret, eine quirlige Mittzwanzigerin, mit ihrem Freund Jeff in einem kleinen schnuckeligen Häuschen in einem Dorf in the middle of nowhere, aber sie färbt keine Wolle, sondern repariert mit Jeff und hilfsbedürftigen Jugendlichen Autos. Und dort lernt Sandra Mike kennen, Angel Mike, den schönen Jungen, der seine Mutter bei einem fürchterlichen Autounfall verlor und seitdem sein seltsames Verhalten zeigt.

So wie Wales Sandra neugierig gemacht hat, so interessiert sie sich nun für Mike und sein rätselhaftes Verhalten. Regine Beckmann schickt nun Mike und Sandra auf Entdeckungsreise durch Wales, für Mike eine Bildungsreise, denn wenn er sieben gute Taten verrichtet, so hatte es ihm seine Mutter einst prophezeit, wird er Hofnarr bei Queen Mum in London. Aus dieser Konstellation entwickelt Beckmann die Geschichte einer Freundschaft, die fast so etwas wie Liebe aufkeimen lässt, aber eben nur fast.

Regine Beckmann zeigt, wie relativ Begriffe wie "fremd" oder "verrückt" sind. Der Andere wird akzeptiert mit seinen Macken und offenbart dadurch auch andere Seiten. Regine Beckmann hat einen Roman gegen Vorurteile geschrieben, der offen mit allen Möglichkeiten spielt, die das Leben bietet, ohne eine Variante von vornherein auszuschließen. Sie vermittelt Toleranz, ohne penetrant pädagogisch zu wirken, sie spielt mit Klischees und bricht sie im entscheidenden Moment. Und kommt zu einem überraschenden Schluss. Das Ganze ist herrlich locker erzählt und gut beobachtet, man darf auf weitere Titel gespannt sein. R.B.

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