Anglikaner : Frauen und Schwule spalten Staatskirche

Die Anglikanische Kirche befindet sich in einer schweren Krise: 1300 Geistliche drohen mit dem Austritt, sollten Frauen als Bischöfe weiter zugelassen werden. Auch gegen schwule Bischöfe wird weiter mobil gemacht.

Annette Reuther[dpa]

LondonGiles Fraser sieht eigentlich nicht wie ein Unruhestifter aus. Er ist klein und rundlich, trägt eine lässige Sonnenbrille und Jeans. Doch Leute wie er sind für viele Geistliche in der Anglikanischen Kirche ein rotes Tuch. Denn der Gemeindepfarrer aus London macht sich für Frauen im Bischofsamt und schwule Priester stark. Die beiden Fragen haben einen Keil in die Anglikanische Glaubensgemeinschaft getrieben. Den weltweit rund 80 Millionen Anglikanern droht nach Meinung vieler Kommentatoren die Spaltung.

Nur rund zehn Tage vor der so genannten Lambeth Konferenz, bei der die anglikanischen Kirchenführer alle zehn Jahre zusammenkommen, steht die Kirche vor einer der "schwersten Krisen ihrer Geschichte", formuliert es Fraser. "Momentan kämpft jeder gegen jeden - niemand weiß, ob wir alle zusammenbleiben können."

Die beiden zerstrittenen Lager sind dabei die konservativen Kirchenführer, vor allem aus Afrika und Teilen Lateinamerikas, und ihre liberalen, progressiveren Amtsbrüder in der Mutterkirche, der Church of England, und in Nordamerika. Fraser nennt das die "Tragödie des Kolonialismus": Demnach hat sich die Anglikanische Kirche in England seit ihrer Gründung vor mehr als 400 Jahren immer mehr von den Glaubensbrüdern in den südlicheren Ländern entfernt. "Wir holen in gewisser Weise das nach, was Deutschland während der Reformation mit dem Kampf zwischen Katholiken und Protestanten erlebt hat."

Spiritueller Niedergang einer Glaubensgemeinschaft

Die Streitpunkte sind vielfältig: Die Liberalen in England wollen so zum Beispiel Frauen als Bischöfe zulassen, doch rund 1300 Geistliche - die meisten von ihnen Ruheständler - haben bereits gedroht, in diesem Fall aus der Kirche auszutreten. Am Montag versuchte sich die Church of England auf ihrer Generalsynode im nordenglischen York an einem Kompromiss, wie jene in der Kirche verbleiben könnten, die keine weibliche "Vorgesetzte" haben wollen. "Wir sprechen nicht über eine saubere Kirchenspaltung, wir sprechen über eine mögliche vollkommene Zersplitterung der Kirche", warnt Prudence Dailey von der Diözese Oxford.

Die Liberalen akzeptieren daneben auch Homosexuelle als Priester und Bischöfe - die Kirchenvertreter vor allem in Afrika nennen das dagegen "Blasphemie" und beklagen einen "spirituellen Niedergang" der christlichen Kirchengemeinschaft, die katholische und protestantische Glaubenselemente vereint.

Um ihrem Missmut Ausdruck zu verleihen, haben sie sogar öffentlich den Führungsanspruch ihres Oberhauptes, des Erzbischofs von Canterbury, in Frage gestellt: Die etwa 300 Anglikaner vor allem aus Afrika gründeten einen eigenen Zusammenschluss, genannt "Foca", und verfassten vor etwa einer Woche in Jerusalem ihre eigene Erklärung. Mit dieser haben sie sich offen von der Mutterkirche abgegrenzt. Das Treffen könne eine Bewegung "theologisch verwandter, konservativer und bibeltreuer Christen" bilden, nannte es ein Sprecher der Konferenz.

Sündenbock Williams

Zwischen allen Stühlen sitzt der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams. Er - eigentlich ein Progressiver - muss versuchen, trotz der Spannungen alle Parteien unter einem Dach zu halten. Er spricht umständlich von "Agonien und Komplexitäten", die der Kirche derzeit zu Schaffen machten. In einem Versuch, die Traditionalisten ruhig zu stellen, lud er Gene Robinson, den ersten schwulen Bischof in der amerikanischen Episkopalkirche, erst gar nicht zu der Konferenz ein. Dessen Weihe zum Bischof von New Hampshire vor fünf Jahren hatten die Entrüstung überhaupt erst erweckt. Doch auch diese "Ausladung" half nicht: Rund 200 Bischöfe haben bereits angekündigt, nicht zur Lambeth Konferenz zu erscheinen.

"Williams wird zum Sündenbock für das ganze Dilemma gemacht", sagt Fraser. Er selbst hat kein Problem mit dem homosexuellen Robinson und lud den Bischof kurzerhand in seine Kirche im südlichen Londoner Stadtteil Putney ein: Dort wird der "Quasi-Verstoßene" am 13. Juli eine Ansprache halten - nur wenige Tage vor der Lambeth Konferenz und wenige Kilometer von Lambeth Palace, dem Sitz des Erzbischofs von Canterbury, entfernt.

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