Welt : Angriff auf die Gesundheit

Experten meinen, die Masern-Epidemie in NRW wäre zu vermeiden gewesen

Adelheid Müller-Lissner

Vor Einführung der Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln wäre es keine Nachricht wert gewesen, dass in Nordrhein-Westfalen in den letzten zehn Wochen 1100 Menschen an Masern erkrankt sind. Denn die Viruserkrankung, die mit hohem Fieber und charakteristischem Hautausschlag einhergeht, ist extrem ansteckend – und kaum einer blieb früher in der Kindheit davon verschont. Was ist also so schlimm daran, dass die Anzahl der Fälle in Nordrhein-Westfalen jetzt höher ist als jemals seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001?

„Die Masern sind keineswegs eine harmlose Kinderkrankheit“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Immerhin sterben ein bis zwei von 10 000 Kindern, die die Masern bekommen, an dieser Krankheit. Sie führt nämlich zu einer etwa sechswöchigen Immunschwäche, die Zweitinfektionen mit Bakterien Vorschub leistet: Am häufigsten sind Lungen- oder Mittelohrentzündungen und Durchfall. Eine sehr ernsthafte Komplikation ist die Masern-Gehirnhautentzündung, die eines von 1000 Masern-Kindern bekommt: Bei 20 bis 30 Prozent von ihnen bleiben Dauerschäden am Gehirn zurück. Das befürchten die Experten nun auch bei einem der beiden Kinder, die aktuell an der Maserenzephalitis erkrankten. Das siebenjährige Mädchen hat neurologische Ausfälle und wird seine alte Schule möglicherweise nicht wieder besuchen können. Besonders groß ist die Gefahr bleibender Schäden durch Masern für Säuglinge.

Was man früher als – seltenes, vielen Familien aber durchaus bekanntes – Schicksal hinnehmen musste, kann heute durch eine zweimalige Impfung verhindert werden. Das 16-köpfige Expertengremium der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim RKI empfiehlt für alle Kinder die zweimalige Impfung bis zum zweiten Lebensjahr. Das zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Seit Jahren kritisieren die Experten aber die zu laxe „Impfmoral“ deutscher Familien: Sie könnte das Ziel der WHO gefährden, die Masern bis zum Jahr 2010 weltweit auszurotten. Der Infektiologe Heinz-Josef Schmitt von der Universitäts-Kinderklinik in Mainz, Vorsitzender der STIKO, kritisiert aber auch das Verhalten der zuständigen Behörden: Die Untätigkeit der Gesundheitsämter widerspreche der UN- Kinderrechtskonvention und zugleich dem Infektionsschutzgesetz. Dass jetzt schon zwei Kinder an der gefährlichen Gehirnentzündung erkrankt sind, sei „fahrlässige Körperverletzung und somit bereits jetzt ein Fall für den Staatsanwalt. Der Staat ist in der Pflicht, die Gesundheit der Kinder zu schützen, und darf nicht zulassen, dass sich Kinder zum Beispiel beim Schulbesuch mit vermeidbaren, gefährlichen und potenziell tödlichen Krankheiten anstecken.“ Auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte fordert verstärkte Aktivitäten der Behörden. Zwar gibt es in der Bundesrepublik keine Impfpflicht. Doch die Kinderärzte mahnen, die ärztlichen Untersuchungen bei der Aufnahme in eine Kindertagesstätte sollten zur Entdeckung von Impflücken genutzt werden.

Experten vermissen aktuell auch Quarantänemaßnahmen und die Durchführung so genannter Riegelungsimpfungen, die die STIKO empfiehlt: Dabei werden alle Kontaktpersonen von Erkrankten geimpft, die sich schon angesteckt haben könnten. Der Pieks nach einer möglichen Ansteckung soll zur schnellen Produktion von Antikörpern führen. So kann eine Erkrankung oft vermieden oder ihr Verlauf abgemildert werden. So lässt sich die Infektionskette unterbrechen.

In den ersten Wochen waren in NRW vor allem Zehn- bis 14-Jährige erkrankt, deren Impfschutz nicht reichte. Das sollten Eltern nicht leichtfertig abtun: Jeder sechste der Erkrankten wurde zumindest kurz ins Krankenhaus aufgenommen.

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