Welt : Angriff ist die beste Verteidigung

Nora Tschirner spielt die Hauptrolle in „FC Venus“ – der deutschen Komödie zur Fußball-WM

Rüdiger Suchsland

Was ist sie jetzt eigentlich? Schauspielerin? Moderatorin? Popfigur? Oder etwas dazwischen? „Ich glaube, dass ich ein Material bin, mit dem man gut arbeiten kann“, hat Nora Tschirner sich selbst einmal beschrieben, und weil ihr neuer Spielfilm, „FC Venus – Angriff ist die beste Verteidigung“, der am Donnerstag ins Kino kommt, erst ihr vierter ist, dürfte sie das auch jetzt nicht anders sehen. „Ich bin Darstellerin im Lernprozess.“

Und eine gute Fußballerin. „FC Venus“ ist der deutsche Film zur Fußball-WM, eine Komödie rund um den Fußballwahn der Männer und ihre verzweifelten Frauen, die ihnen die Flausen ein für allemal austreiben wollen. Tschirners Filmpartner ist Christian Ulmen, die Klamotte ist auch sonst sehr gut besetzt und hat beste Aussichten, ein Kassenschlager zu werden.

Nicht zuletzt wegen Nora Tschirner. Dabei hat sie nie eine Schauspielschule besucht. Aber weil die in Pankow Aufgewachsene schon mit 13 erste Kinderfilme gedreht hat und derartige Nebenbeschäftigungen von der Familie immer gefördert wurden, spielte sie kurz vor ihrem Abitur eine erste Rolle in einem Kinofilm, in Connie Walters „Wie Feuer und Flamme“, einer zu Unrecht schnell vergessenen deutsch-deutschen Teenie-Lovestory.

Wirklich bekannt wurde Tschirner 2001 durchs Fernsehen. Denn als der Film fertig war und sie gerade in einem Laden jobbte, bot ihr die ARD eine Rolle in der Serie „Sternenfänger“ an, und fast zur gleichen Zeit bekam sie eine Einladung zu einem MTV-Casting. Im April begann sie dort als Moderatorin. Es war die Zeit, als der Musiksender noch Geld hatte und sich mit jungen, frechen, ungewöhnlichen Moderatoren bei neuen Zuschauerschichten interessant machte. Gemeinsam mit Sarah Kuttner und Charlotte Roche wurde Tschirner eines der Aushängegesichter des neuen MTV, irgendwie freakig, irgendwie ungewohnt und vergleichsweise antiglamourös.

Etwas Besonderes sind Tschirners Moderationen: schnell und lässig, äußerst schlagfertig, dabei eigenwillig, oft geprägt von persönlichen Wortbildungen wie „einfachkeitshalber“ oder „Ideenhabung“, eroberte sie sich damit schnell viele Fans. Inzwischen ist Tschirner, mehr als Kuttner oder Roche, einer der unumstrittenen Stars des Senders. Seit 2004 ist sie Christian Ulmens Komoderatorin in „Ulmens Auftrag“. Und weil das so ist, kann sie es sich auch erlauben, mit kessen Sprüchen Distanz zu zeigen: „Ich arbeite bei einem Sender, in dem der größte Mist gehypt wird“, ließ sie sich zitieren und erzählte von ihrem Bedürfnis nach Wissen, Lernen und Tiefe. Zugleich betonte Tschirner, dass auch bei MTV ja „nicht nur Zyniker“ säßen und sie dem Sender viel zu verdanken habe.

Frech, aber loyal, das ist Nora Tschirners Markenzeichen, und auch in ihren Filmen spielt sie solche Figuren: In Anno Sauls „Kebab Connection“ etwa, einer mal wirklich witzigen und auch sonst gut gelungenen deutschen Kulturclash-Komödie, deren Drehbuch von Fatih Akin stammt, spielt sie die Freundin eines verträumten Deutschtürken, der zunächst mal nicht damit zurecht kommt, dass sie ein Kind erwartet. Praktisch, gute Seele und hübsches Outfit, Hirn mit Herz, kesse Sprüche und das Bedürfnis nach Seriosität – das ist ungefähr die Mischung, für die auch Nora Tschirner steht. Und man nimmt ihr jederzeit ab, dass dies nicht nur eine neue Masche ist, mit der man sich gerade super vermarkten kann. Dafür erzählt sie in Interviews ein bisschen zu oft von den Träumen und politischen Gegenmodellen der DDR – „Ostkinder sind sozialer im Umgang“ –, von denen man nach 1989 auch etwas hätte übernehmen können „außer den Ampelmännchen“. Gerne erzählt sie von ihrer Mitgliedschaft in Vereinen, wie „Junge Helden“, die sich für mehr Organspenden einsetzen. Dieses Konkrete, Klare, unverfälscht Direkte, das ist es wohl, was vielen an ihr gefällt. Ein Autor erklärte sie schon zur „Vorzeigefigur der Post-Wiedervereinigungs-Jugend“ und schrieb gar von einer „Generation Nora“.

Und zugleich diese Offenheit. Auch wenn Ute Wielands Kickerklamotte „FC Venus“ jetzt ein Riesenerfolg werden sollte, kann man sicher sein, dass Nora Tschirner in Zukunft nicht nur leichte Komödien drehen wird. Vielleicht steht sie eher wieder auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses, wo sie in „Trainspotting“ ihren Einstand gab und selbst skeptische Theaterkritiker überzeugte. Das ist das Sympathischste an ihr: dass sie auch mit knapp 25 noch immer nicht fertig ist, noch immer nicht ganz zu wissen scheint, was sie will, und darum erst mal alles macht. Dieses ebenso selbstbewusste wie realitätsnahe „mal kucken“. Genau das ist natürlich auch der Grund, warum sie einem einstweilen Rätsel aufgibt.

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