• Angst vor den Hooligans: Abgestempelt - Wie die deutschen Sicherheitskräfte verhindern wollen, dass Gewalttäter in Holland und Belgien einfallen

Welt : Angst vor den Hooligans: Abgestempelt - Wie die deutschen Sicherheitskräfte verhindern wollen, dass Gewalttäter in Holland und Belgien einfallen

Markus Hesselmann

Die Sommerfrische möchte die Polizei ihren Pappenheimern nicht gleich vermiesen. Mallorca, Dom-Rep, Thailand, oder wo der notorische Hooligan Fan sonst gern feuchtfröhlich urlaubt - das alles ist auch in diesem Juni kein Problem. Die Reisepässe der ungern gesehenen Herren sind wie bei allen anderen Bundesbürgern "gültig für alle Länder". Mit zwei Einschränkungen: "außer Belgien und Niederlande", Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft 2000. Einen entsprechenden Stempel bekommen polizeiauffällige Gewalttäter während der EM in ihren Pass. Ihre Personalausweise werden vorübergehend eingezogen.

2600 als besonders brutal eingestufte Straftäter zählt die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in Düsseldorf, bei der alle Informationen über Hooligans zusammenlaufen. Alle Gewalttäter werden dort erfasst, die der Polizei in den vergangenen beiden Jahren im Zusammenhang mit Fußball-Spielen aufgefallen sind. Viele von ihnen bekamen in den vergangenen Wochen Besuch von Beamten, die ihnen mit guten Argumenten von einer Reise zur EM abrieten. Denn wer trotz der Passbeschränkungen, die eine Gesetzesänderung jüngst ermöglicht hat, ausreist, der macht sich EU-weit strafbar und kann dafür auch im Ausland verfolgt werden.

Die Polizei surft mit

Doch nicht alle Hooligans werden abgestempelt. Die Polizei konzentriert sich auf die Rädelsführer und hofft durch die Reisebeschränkungen und Meldeauflagen, zumindest den organisierten Hooligan-Einfall in Holland und Belgien verhindern zu können. "Wir warten nicht, bis einer mit dem Baseballschläger im Kofferraum an der Grenze auftaucht", sagt Andreas Piastowsky, Delegationsleiter der ZIS bei der EM.

Den Ausnahmezustand wollen die deutschen Behörden nämlich wegen eines Fußball-Turniers nicht ausrufen. Das Schengener Abkommen, Errungenschaft der europäischen Einigung, bleibt entgegen anderen Meldungen auch während der vom 10. Juni an ausgetragenen Europameisterschaft in Kraft - zumindest auf deutscher Seite. Die deutsche Polizei hofft, schon vorher zuschlagen zu können, während die holländischen und belgischen Beamten während des Turniers Grenzkontrollen mit allen Schikanen wieder einführen.

Wer trotz allem bis zur Grenze durchkommt, den soll der Bundesgrenzschutz herausfiltern. Die BGS-Beamten hoffen dabei auf die Informationen der szenekundigen Beamten aus allen Bundesländern, die sich in den jeweiligen Fangruppen bestens auskennen. "Wir stochern nicht mehr im Nebel herum", sagt Rüdiger Kass, Abteilungsleiter Bundesgrenzschutz beim Bundesinnenministerium. Bundesweit würden während der Europameisterschaft die Verkehrsströme in Richtung West-Grenze genau beobachtet.

Lens sei die Wende gewesen, sagt Kass. Seit der folgenschweren Attacke auf den Französischen Gendarmen Daniel Nivel während der Weltmeisterschaft 1998 in der nordfranzösischen Stadt funktioniere die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern sowie zwischen Polizei und Bundesgrenzschutz wesentlich besser. Nivel war bei Krawallen am Rande des Spiels Deutschland gegen Jugoslawien von deutschen Hooligans angegriffen worden und trug bleibende Hirnschäden davon. Vier deutsche Hooligans wurden für die Tat zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

Um an Informationen über die Schlachtpläne der Hooligans zu kommen, bedienen sich Polizei und Bundesgrenzschutz auch der Neuen Medien. Das Internet, wo sich in diesen Tagen wieder viele vermeintliche Hooligans mit angeblichen Ankündigungen und Verabredungen in den Gästebüchern einschlägiger Seiten hervortun, werde dabei allerdings überschätzt, sagt Andreas Piastowsky. Wer wirklich etwas plane, der werde dies kaum in einem solchen Medium öffentlich vorher ankündigen. Schließlich surft die Polizei mit - und das schon seit Jahren.

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