Welt : Angst vor der Entschuldigung

Englands Boulevardpresse sorgt sich um den Deutschlandbesuch der Queen – und verfällt in alte Reflexe

Matthias Thibaut[London]

Niemand, sagt feierlich der Pressesprecher der Downing Street, dürfe spekulieren, was die Queen sagt. „Dies ist eine Sache für den Palast.“ Aber dann reizt ihn die Frage schon, ob sich die Queen beim Staatsbesuch nächste Woche in Deutschland für die Bombardierungen deutscher Städte entschuldigen werde. „Wie sagt man auf deutsch für ,old chestnut’?“

Olle Kamellen. Wer sie aufgegriffen hat? „Um Gottes willen, wir nicht“, versichert man in der deutschen Botschaft in London. „Niemand von uns oder überhaupt in der deutschen Regierung hat eine Entschuldigung von der Queen verlangt.“ Rätselraten auch im Buckingham-Palast. „Wir sind nicht um eine Entschuldigung gebeten worden“, so eine Sprecherin. Im Übrigen sei sich die Königin der Leiden aller Völker im Krieg bewusst. Sie habe den Krieg ja in London selbst miterlebt.

Seit der „Daily Express“ vor zwei Wochen in fetten Lettern schrieb: „Die Deutschen wollen eine Entschuldigung für den Krieg“, geistert die Geschichte herum. Britische und deutsche Medien nutzen die Gelegenheit, an alten Narben zu kratzen. „Die Auswirkungen der barbarischen Bombenangriffe sind in England kaum bekannt", sagt Jörg Friedrich der „Bild“- Zeitung. Sein Buch über die alliierten Bombenangriffe („Der Brand“) wurde in England als Beispiel des selbstbewussteren Umgangs der Deutschen mit ihrer Geschichte wahrgenommen. „Die Queen muss sich nicht entschuldigen“, sagt Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg. „Aber eine Geste der Versöhnung gegenüber den Dresdnern wie das gespendete Kuppelkreuz auf der wiedererbauten Frauenkirche wäre ein schönes Zeichen.“

Die Queen will in Deutschland ein Benefizkonzert für den Dresdner Wiederaufbau besuchen, britische Firmen haben bereits mehr als 300 000 weitere Euro gespendet. Versöhnung ja, so die klare Linie der Briten, Entschuldigung nein.

Dass der „Express“ die Geschichte in die Welt setzte, überrascht nicht. Sein Verleger Richard Desmond gehört zu den Briten, die unter dem so genannten Stechschrittreflex leiden. Werden sie eines Deutschen ansichtig, werfen sie die Beine in die Luft und brüllen „Sieg Heil“. So geschehen bei einer Firmensitzung zur möglichen Übernahme des „Daily Telegraph“ durch den deutschen Springer-Verlag.

Vielleicht hätte man die Sache auf sich beruhen lassen können, hätte Außenminister Joschka Fischer vorige Woche nicht selbst Öl ins Feuer gegossen: Die Briten sollten endlich den Anschluss ans 21. Jahrhundert schaffen, schlug er in einem BBC-Interview vor. „Wenn meine Kinder heute wissen wollen, wie ein preußischer Stechschritt geht, müssen sie sich das englische Fernsehen ansehen.“ Fischers Berater hätten wissen müssen, dass man so nur weitere Stechschrittreflexe auslöst. „Den Deutschen darf niemals erlaubt werden, ihre böse Vergangenheit zu vergessen", so die Retourkutsche der „Daily Mail“.

In London und Berlin betont man, der Besuch solle ja gerade aus dem Schatten der Vergangenheit herausführen. Die Queen, keine Frage, wird sich mit Stil und Routine aus der Affäre ziehen. Stechschrittreflexe sind bei ihr ausgeschlossen.

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