Angst vor Radioaktivität : Deutsche kaufen Jodtabletten

Aus Angst vor einer radioaktiven Verseuchung durch den Reaktorunfall in Japan überlegen sich viele Bundesbürger, ob sie sich vorsorglich Jodtabletten kaufen sollten. Experten sprechen von "totalem Blödsinn".

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In Städten wie Berlin registrieren die Apotheken eine erhöhte Nachfrage. Sehr sinnvoll ist so eine Anschaffung jedoch nicht. „Apotheker raten von der Einnahme von Jodtabletten auf eigene Faust ausdrücklich ab“, sagte Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer. „Es wäre totaler Blödsinn, bei uns in Deutschland aus Panik vorsorglich Jod einzunehmen“, sagte Nikolaus Tiling vom Stoffwechsel-Centrum der Berliner Uniklinik Charité.

Bei einem Reaktorunfall wird viel radioaktives Jod freigesetzt. Es handelt sich um die beiden radioaktiven Isotope Jod-131 und Jod-133. Sie bestimmen in den ersten Tagen nach einem Unfall wesentlich die Strahlenbelastung, teilt das Bundesamt für Strahlenschutz mit.

In der Umgebung eines havarierten Kernkraftwerks kann es daher sehr sinnvoll sein, frühzeitig Jod zu sich zu nehmen. Das Jod aus der Tablette – im Regelfall reicht eine einmalige Einnahme von Kaliumiodid – wird von der Schilddrüse aufgenommen und in das Hormon Thyroxin eingebaut. Damit ist die Schilddrüse auf Wochen „blockiert“, das danach eingeatmete oder mit der Nahrung verschluckte radioaktive Jod wird von ihr nicht mehr aufgenommen.

Allerdings wird von dem radioaktiven Jod aus Japan bei uns in Deutschland so gut wie nichts ankommen. Zum einen nimmt die Konzentration der radioaktiven Stoffe mit wachsender Entfernung vom Reaktor ständig ab. Dabei muss man bedenken, dass die Substanzen auf dem Weg nach Europa aller Voraussicht nach den Pazifik, Amerika und den Atlantik überqueren müssen. Das dauert mehrere Wochen. Dann ist die Radioaktivität des Jods wegen der kurzen Halbwertszeit weitgehend abgeklungen. Bei Jod-133 ist die Radioaktivität nach einem Tag zur Hälfte zurückgegangen, bei Jod-131 beträgt die Halbwertszeit acht Tage.

In Europa werden „allenfalls geringfügige Auswirkungen“ der radioaktiven Wolke erwartet, teilte das Bundesamt für Strahlenschutz mit. Neben Jod wird Cäsium freigesetzt, dass eine Halbwertszeit von zwei Jahren (Cäsium-134) und von 30 Jahren (Cäsium-137) hat. Jodtabletten sind gegen Cäsium oder andere radioaktive Stoffe nicht wirksam. Cäsium sammelt sich jedoch nicht wie Jod in einem Organ an. Auch durch Cäsium werde die in Europa auftretende Strahlenbelastung voraussichtlich keine Höhe erreichen, die gesundheitlich von Bedeutung sei, teilt das Bundesamt mit. Strahlenschutzmaßnahmen seien nicht erforderlich.

Wer vorsorglich eine hohe Dosis Jod einnimmt, riskiert dabei, sich mehr zu schaden als zu nutzen. Der Jodschub kann zu einer nicht ungefährlichen Überfunktion der Schilddrüse führen, wie der Charité-Spezialist Tiling sagt. Typische Zeichen einer Überfunktion sind Herzjagen, Schwitzen, Zittrigkeit, Gewichtsabnahme und Unruhe.

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