Welt : Anklage wegen Mordversuchs fallen gelassen

Im Essener Schwurgericht bricht auch der letzte Angeklagte Christopher Rauch sein Schweigen

Im Hooligan-Prozess um den brutalen Überfall deutscher Fußballfans auf den französischen WM-Polizisten Daniel Nivel hat die Staatsanwaltschaft den Vorwurf des versuchten Mordes gegen drei der vier Angeklagten fallengelassen. Gegen sie werde nur noch der Vorwurf der schweren Körperverletzung erhoben, sagte der Vorsitzende Richter Rudolf Esders am Montag zum Schluss der Beweisaufnahme vor dem Essener Landgericht. Damit droht den drei Männern eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Für den vierten Angeklagten Andre Zawacki besteht der Mordvorwurf weiter.

Am letzten Tag der Beweisaufnahme im Essener Hooliganprozess hat auch der letzte Angeklagte sein Schweigen gebrochen. Der 24-jährige Christopher Rauch aus der Berliner Hooligan-Szene beteuerte am Montag vor dem Essener Schwurgericht, er sei zwar am Tatort gewesen, als Hooligans den französischen Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode prügelten. Doch er selbst habe nicht zugeschlagen. "Ich hatte immer sieben bis acht Meter Abstand zu dem Polizisten. Ich war nie näher dran", sagte Rauch. Ein halbes Jahr nach Prozessbeginn soll das international beachtete Verfahren am kommenden Montag mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft in die Schlussphase eintreten.

Rauch gilt als Rädelsführer der berüchtigten Hooligans des Clubs FC Dynamo Berlin. Vor dem Essener Schwurgericht müssen sich die vier Angeklagten Frank Renger, Andre Zawacki, Tobias Reifschläger und Christopher Rauch verantworten. Renger, Zawacki und Reifschläger legten im Verlauf des Verfahrens Teilgeständnisse ab. Beide gestanden, auf den am Boden liegenden Polizisten eingetreten zu haben.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage sollen am Montag, die Verteidiger am Donnerstag kommender Woche ihre Plädoyers halten. Das Urteil soll am 5. November verkündet werden.

Zwei der vier Angeklagten waren der deutschen Polizei schon vor dem Überfall auf Nivel bekannt. Zawacki hatte im Juni 1992 auf einer Abiturfeier in Duisburg einen Mann mit einem Schlag ins Gesicht verletzt. Rauch lieferte sich im Februar 1998 in Hannover eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einer jungen Polizistin, als diese die Personalien des 24-Jährigen feststellen wollte. Das Opfer, das Zawacki bei der Abiturfeier attackiert hatte, erlitt eine Risswunde unter dem Auge und eine Augapfelprellung. Zawacki habe ihn grundlos angepöbelt, gerempelt und wenig später zugeschlagen, sagte der heute 32 Jahre alte Arzt vor Gericht. Ein Strafverfahren wurde gegen Zahlung von 500 Mark eingestellt. Die von dem Angeklagten Rauch angegriffene 21-jährige Beamtin berichtete vor Gericht von Schädel- und Rippenprellungen, blauen Flecken und Quetschungen. Die Verletzungen habe sie erlitten, als sie Rauch an der Flucht mit seinem Auto hindern wollte.
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