Anna Thalbach : "Das öffentliche System ist am Ende"

Anna Thalbach schickte ihre Tochter auf ein Internat – weil Kinder dort aufgefangen werden

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen das Eingehen auf Kinder im deutschen Schulsystem zu kurz kommt. Ihre inzwischen 14-jährige Tochter besucht jetzt ein Internat. Würden Sie auch anderen Familien dazu raten?



Das muss jeder für sich entscheiden. Menschen und Bedürfnisse sind verschieden. Für die einen ist es gut, für die anderen nicht. Ich finde vor allem, dass man nicht damit drohen darf. Das Internat ist als Schulform toll und für meine Tochter ist das super. Sie wollte es auch genau so haben und erleben. Ich scheue mich, zu verallgemeinern. Aber ich denke, das öffentliche Bildungssystem ist am Ende. Es tut mir wirklich leid, das zu sagen, denn ich liebe Kinder und es ist so einfach, sie zu inspirieren. Dazu muss man nicht einmal lange studieren, wenn man es mit dem Herzen tut. Es sind wirklich sehr einfache Dinge, die ein Kind braucht, um zu funktionieren. Unsere Geschichte hat gezeigt, dass Menschen, die ihr Leben selbst gestalten können, generell friedlich sind. Man kennt Mitgefühl, hat Toleranz und weiß, dass die eigene Welt nicht die ganze Welt ist. Man begreift so vieles über die Bildung. Und trotzdem muss nicht jeder ein Einstein werden. Wir brauchen auch kein Land voller Literaturprofessoren, sondern eine gute Grundversorgung.

Was macht das Internat für ihre Tochter besonders?

Was sie vom Internat mitbringt, ist ein ganz tolles Sozialverhalten. Das ist es, was Kinder in Deutschland oft nicht in normalen Schulen lernen: Wie geht man miteinander um? Wie trägt man Konflikte aus? Wie geht man aufeinander zu? Wie finde ich heraus, wie ich auf andere wirke? Wie gehe ich damit um, wenn ich auf andere negativ wirke? All solche Dinge. Junge Menschen brauchen dafür eine schützende und stützende Hand. In einem Internat werden sie aufgefangen.

Ihre Tochter ist jetzt 14. Da fängt man an, selbstbestimmt sein zu wollen. Wie wirkt sich das Internat auf ihre Beziehung aus?

Für meine Tochter und mich ist es toll. Seit sie im Internat ist, sind wir uns noch genauso nah wie vorher und wir haben ein irrsinniges Vertrauen zueinander. Die Zeit, die wir miteinander verbringen, ist auch ganz, ganz reich. Ich glaube, wenn wir uns jeden Tag sehen würden, dann würden wir uns auch so komisch streiten, wie man das im Fernsehen sieht. Die Trennung hat eben auch eine Qualität. Sie macht unsere Mutter-Tochter-Liebe sehr frei. Das war als Effekt nicht geplant, aber es ist so. Ich finde die Grundidee toll, wenn Kinder ab einem gewissen Alter – vor allem in einer Einzelkindgesellschaft – für eine Zeit lang in eine Gruppe geschmissen werden. Was ich aber schade finde, ist, dass es so viel Geld kostet und schwierig ist, eine Einrichtung mit einer gesunden Mischung zu finden. Auch wenn ich mir eines der sogenannten Eliteinternate leisten könnte, ich würde das nicht wollen. Meine Tochter soll die Wahl haben, sie soll andere Menschen kennenlernen und nicht in einen elitären Kreis geschubst werden, wo wenig von außen zugelassen wird. Ich finde es zum Beispiel in England sehr schön, wo es normal ist, ins Internat zu gehen. In Deutschland ist es ja in den meisten Fällen so, dass man entweder viel Geld hat oder das Internat schulisch für ein Kind die letzte Hoffnung ist. Es ist schade, dass Internate so einen Ruf haben. In allen Internaten gibt es Kinder, die ein Stipendium haben. Es gibt Fördervereine, die ihnen den Aufenthalt finanzieren. Und dann kommen die Kinder aus den umliegenden Dörfern auch dort hin. Es mischt sich, es gibt Akademikerkinder, Diplomatenkinder und auch ein paar Unternehmerkinder.

Welche Kriterien waren denn für Sie wichtig, bei der Auswahl der Schule? Und welche waren Ihrer Tochter wichtig?

Wir haben einen Internatstest im Internet gemacht und dann fünf Prospekte bekommen. Ein Kriterium war, dass die Schule auch Kinder annimmt, die man ein bisschen schubsen muss. Für mich war es auch wichtig, dass es bezahlbar und nicht total elitär ist. Ich wollte auch, dass es von Berlin aus schnell zu erreichen ist, weil Nellie ja erst elf war. Und sie wollte, dass es schön aussieht. Sie hat sich die Prospekte genauso angeguckt wie ich. Dann hat sie auf die Schule gezeigt und gesagt: Mama, das ist es. Wir sind hingefahren und es war auch gleich schön. Es lief also recht unkompliziert ab.

Wenn Sie jetzt etwas am öffentlichen Schulsystem ändern könnten, was wäre das?

Ich würde morgens später anfangen. Es ist für Kinder und Eltern eine Zumutung. Diese Uhrzeiten stammen ja noch aus einer Zeit, als es noch kein elektrisches Licht gab. Da ist man aufgestanden, um das Licht zu nutzen. Aber es gibt heute keinen erkennbaren Vorteil, so früh aufstehen zu müssen. Lehrer sollten alle paar Jahre mal aussteigen, wie in der Schweiz. Das ist super. Ich denke, man braucht nach einer gewissen Zeit Abstand, weil es anstrengend ist, jeden Tag mit Kindern zu arbeiten. Und deswegen ist eine Pause ganz wichtig. Ich würde Kinder sehr früh in ihren Neigungen schulen. So wie bei mir. Bei mir hat man das Lesen am meisten gefördert. Ich hatte Zeit, mich intensiv damit auseinanderzusetzen. Und jetzt lebe ich vom Lesen. Also: Grundlagenunterricht und neigungsfördender Unterricht. Ich würde auch mit den Kindern rausgehen. Von der ersten Klasse an einmal in der Woche einen Museumstag machen. Und später auch einmal in der Woche Theater oder Oper. Es geht nicht darum, dass alle Wissenschaftler werden. Manche können toll sägen, hämmern und schrauben. Das hat auch einen Wert, worauf man in der Schule hinarbeiten sollte. Lehrer sollten den Kindern auch Sozialkompetenz beibringen, darauf achten, wie sie miteinander umgehen und ihnen beibringen, wie man miteinander redet.

Das Interview führte Tong-Jin Smith.

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