Welt : Anpacken wollen sie alle

Das Berliner Software-Unternehmen „Thin Print“ hatte eine Filiale in New Orleans. Jetzt helfen Mitarbeiter Opfern des Hurrikans

Annette Kögel

Berlin - Am Zoll werden sich die Sicherheitsleute gewundert haben, als sie den Koffer von Eva Sara Tullier durchleuchteten. Zwanzig Kisten Gasmasken gegen Gifte und Gestank. „Die habe ich noch in Berliner Apotheken bestellt, weil sie in Deutschland besser zu kriegen sind. Und jede Menge Kohletabletten dazu“, sagt sie. Die 35-Jährige lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin – doch als Hurrikan Katrina ihre alte Heimat New Orleans vernichtete, stand für die gebürtige Amerikanerin fest: „Ich muss so schnell wie möglich zu meiner Familie. Ihnen und anderen Hurrikanopfern helfen.“ Die Frau aus Schöneberg hat eine kleine private Luftbrücke initiiert und flog vor einer knappen Woche nach Tennessee, zum Haus ihres Onkels, wo ihre Mutter und ihre schwerbehinderte Schwester unterkamen.

So schnell konnte Tullier aber gar nicht weg aus Berlin. „Ich war die Informationszentrale für meine Verwandten.“ Während in den USA die Informationswege gekappt waren, saß die New Orleanserin in Berlin „24 Stunden vorm Fernseher und am Internet“. Sie starrte fassungslos auf die Berichte der lokalen und internationalen Stationen – „und dann habe ich allen gemailt, was Sache ist“, sagt die Amerikanerin mit charmantem Berliner Dialekt. Während sie jetzt in Cleveland/Tennesse die Hilfe plant, kümmern sich ihr Freund und eine Arbeitskollegin um die 14-jährige Tochter Ise in Schöneberg.

Eva Sara Tullier ist freiberufliche Übersetzerin für das Berliner Softwareunternehmen „Thin Print“. Die auf Druckerprogramme spezialisierte Firma hat ihren Stammsitz in Alt-Moabit – und Filialen im australischen Sydney, in Cleveland, Ohio, und bis vor wenigen Tagen auch in New Orleans. Und das kam so: Auch der Bruder von Frau Tullier ist bei „Thin Print“ beschäftigt und empfahl den Berlinern einst die Südstaaten-Metropole als Vertretung für die Vereinigten Staaten und Kanada. Seit Jahren wurden Vertriebsleute im historischen Gebäude in Downtown am Mississippi geschult. Gerade sollte ein neues Programm erklärt werden, das die Kollegen am „River Spree“ als erstes Unternehmen weltweit entwickelt haben und mit dem man E-Mails von Blackberry-Taschencomputern ausdrucken kann.

Doch das Haus in New Orleans – es war einmal. Die US-Filiale hat, so sieht es bislang aus, nur leichte Schäden abbekommen. „Wir hatten immer wieder Probleme in der Hurrikan-Saison“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Carsten Mickeleit, deswegen werde man das Geschäft ganz nach Cleveland/Ohio verlegen. Dort haben sich jetzt die sieben Mitarbeiter eingefunden, die in alle Ecken der USA geflohen waren. Einige hatten Glück, andere verloren alles Hab und Gut, manche suchen immer noch verzweifelt nach Vermissten. „Ein Trost ist, dass unser Arbeitgeber in Berlin sitzt, denn wir bekommen anders als viele Flutopfer weiter Gehalt, und auch die Unterkunft wird bezahlt“, sagt US-Mitarbeiter Bill Koeppen. Kollege Christoph Hammer war kurz vor dem Hurrikan von Berlin an den Mississippi gezogen. Die Koffer sind weg, und der Traum von New Orleans. Jetzt beginnt der Weddinger mit Frau und Tochter ein neues Leben in Ohio. Die Katastrophe verbindet: eine Firma, ein Schicksal. Eine Kollegin in Berlin organisiert in Privatinitiative ein Benefizkonzert für Opfer der Naturkatastrophe (Junction Bar in Kreuzberg, 6.10., 21 Uhr, E-Mail: katrina-benefiz@web.de).

Auch Eva Sara Tullier will denen helfen, die es am schlimmsten getroffen hat. Die Frau mit indianischen Cherokee-Vorfahren will mit der Familie „im Van von Tennessee nach New Orleans fahren, sobald es Strom gibt“. Dort will sie Analphabeten in Notunterkünften beim Ausfüllen von Formularen helfen. „Außerdem wollen fünf Freunde aus Berlin sofort hierher fliegen, sobald ich erkundet habe, wer wo am sinnvollsten einzusetzen ist.“ Tischler, Krankengymnastin, Finanzexperte: Anpacken wollen sie alle. Tullier hat New Orleans das letzte Mal im Sommer erlebt. „Damals haben wir darüber gelästert, dass wir auf der Sightseeing-Tour die Stadt so ewig lange gefilmt haben.“ Heute sind die Dokumente der Vergangenheit für sie beinahe so bedeutend wie die Atemschutzmasken für die Überlebenden.

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