Ansturm auf dem Orient : Nicht nur Deutsche reisen in die Türkei

Die Türkei entwickelt sich immer mehr zum Reiseziel für Araber. Der Bosporus erlebt einen Ansturm reicher Besucher aus dem Orient.

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Den Blick über die Dächer von Istanbul genießen auch vermehrt Araber.
Den Blick über die Dächer von Istanbul genießen auch vermehrt Araber.Foto: dpa

Millionen Europäer verbringen ihren Sommerurlaub in der Türkei, weil es an den Stränden so schön warm ist – doch Ali Al-Daraj ist nach Istanbul gereist, weil ihm das Wetter angenehm kühl vorkommt. „Im Irak ist es im Moment so heiß“, erzählt der 15-jährige Junge aus Bagdad. Zusammen mit seinem Vater, seinem Onkel und acht weiteren Familienmitgliedern aus dem Irak und aus Jordanien will Ali einen ganzen Monat lang in der Türkei bleiben und der Glutofen-Hitze der Heimat entfliehen. Während eines Morgenspaziergangs der Al-Darajs in der Nähe des Taksim-Platzes im Zentrum von Istanbul beschreibt Ali, was ihm an der Türkei außer den relativ kühlen Temperaturen so gut gefällt: „Es ist so schön hier, es gibt so viel zu sehen und zu tun.“

Die Al-Darajs sind keine Ausnahme. Die Aufhebung von Reisebeschränkungen und die wachsende Popularität der Türkei im Nahen Osten lässt die Zahl der arabischen Urlauber am Bosporus explodieren. Zwar bilden die Araber, etwa im Vergleich zu den Türkei-Touristen aus Deutschland, immer noch eine recht kleine Gruppe. Doch dafür geben sie das Geld mit vollen Händen aus. So manche reiche Familie wählt eines der Luxushotels am malerischen Bosporus für eine extravagante Hochzeitsfeier – so ein Abend kann schon mal fünf Millionen Dollar kosten.

Das Tourismusministerium in Ankara zählte im Mai rund 105.000 Besucher aus arabischen Staaten im Land, das waren 33 Prozent mehr als im Vorjahresmonat; bei einigen Nationen wie den Vereinigten Arabischen Emiraten betrugen die Steigerungsraten über 60 Prozent. Der Boom spielt sich zwar auf einem relativ niedrigen Niveau ab: Insgesamt kamen im Mai mehr als drei Millionen Urlauber in die Türkei, im gesamten vergangenen Jahr waren es 27 Millionen. Aber die Besucherzahlen allein vermitteln nicht das ganze Bild.

Anders als die meisten Europäer, die mit Pauschalreisen zu Tiefstpreisen in die Türkei kommen, sind die Araber als spendabel bekannt. „Ein Araber gibt an einem Tag die Summe aus, die ein Europäer für seinen ganzen Urlaub bezahlt“, sagt Aydin Ulcay vom Istanbuler Reisebüro Alharran. Araber rücken zudem mit der ganzen Großfamilie an wie die Al-Darajs und bleiben wesentlich länger in der Türkei als europäische Pauschaltouristen.

Ulcays Betrieb hat sich auf arabische Besucher spezialisiert, so wie viele Büros, Restaurants und Geschäfte hier im Stadtviertel Talimhane in der Nähe des Taksim-Platzes, wo auch die Al-Darajs abgestiegen sind und wo Schilder in arabischer Sprache das Straßenbild bestimmen. Alharran vermittelt Ausflüge, Hotels, Chauffeure – und besorgt hin und wieder eine Villa, die sich ein reicher Araber für seinen Urlaub mietet.

Für Antalya haben die arabischen Urlauber wenig übrig. Sie wollen Städte wie Bursa sehen, die von Heilthermen umgebene ehemalige osmanische Hauptstadt südlich von Istanbul. Auch Uzungöl steht auf der Wunschliste der Gäste aus dem Orient ganz oben: ein malerischer See in der Nähe von Trabzon an der kühlen Schwarzmeerküste, eingebettet in grüne Wäldern und Berge, fast ein Schweizer Idyll. Europäer verirren sich nur selten dorthin, doch im Reisebüro Alharran ziert ein Bild von Uzungöl eine ganze Wand.

Die arabische Welle in der Türkei begann mit der Regierungsübernahme der religiös-konservativen Partei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Ende 2002. „Erdogan hat eine muslimische Identität“, sagt Alharran-Geschäftsführer Abülkadir Düger. Und Araber fühlen sich in einem von einem frommen Muslim regierten Land offenbar wohl.

Dass der aktuelle Streit zwischen der Türkei und Israel über die Schiffe mit Hilfsgütern für die Palästinenser im Gaza-Streifen den Araber-Boom anheizt, glauben die Experten in Talimhane nicht. Der Trend sei bereits seit langem spürbar und habe mehrere Gründe, sagt Bedur Samur von der Autovermietung Mostar: „Sie kommen wegen des kühlen Wetters, sie kommen, weil es hier islamisch einwandfreies Essen gibt, sie kommen, weil die Türkei billiger ist als Europa, und sie kommen, weil sie Erdogan lieben“, sagt er über die arabischen Besucher. „Aber sie kommen nicht wegen der Palästinenser.“

Manche Araber kommen auch zum Einkaufen. Städte an der türkischen Grenze zu Syrien erleben einen Ansturm von Besuchern aus dem südlichen Nachbarland, seit diese ohne Visum in die Türkei reisen dürfen. Die Provinz Hatay zum Beispiel erwartet in diesem Jahr rund 1,5 Millionen ausländische Besucher, die meisten aus Syrien – das sind doppelt so viele Einreisen wie im vergangenen Jahr. In Städten wie Gaziantep haben sich die Einkaufszentren mittlerweile mit Hinweistafeln und Durchsagen in arabischer Sprache auf die Syrer eingestellt, die vor allem Kleidung und Schmuck kaufen. Ein gutes Geschäft für die Grenzregion.

Und dabei hat der Araber-Boom noch längst nicht sein Ende erreicht, sagen türkische Tourismusmanager wie Aydin Ulcay vom Reisebüro Alharran: „Es wird so lange weiter bergauf gehen, wie dem Nahen Osten das Geld nicht ausgeht.“

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