Antarktis : Die Rettung der Eingeschlossenen wird teuer

Die Gestrandeten in der Antarktis, die die Welt gut gelaunt mit ihren Fotos und Videos unterhalten haben, sind gerettet – aber wer für den riesigen Aufwand aufkommen muss, ist nicht geklärt. Klar ist nur: Das wird teuer.

Die Passagiere stapfen zum rettenden Hubschrauber eines chinesischen Forschungsschiffes.
Die Passagiere stapfen zum rettenden Hubschrauber eines chinesischen Forschungsschiffes.Foto: Andrew Peacock / www.footloosefotography.com/AFP

Bestens gelaunt hatten die in der Antarktis eingeschlossenen Touristen und Forscher die Weltöffentlichkeit in der nachrichtenarmen Zeit über Weihnachten und Neujahr mit ihren lustigen Videos und Fotos unterhalten. Was für ein Abenteuerurlaub, werden sie gedacht haben, und zu Hause schauen alle neidisch zu.

Das wird teuer. Die Kosten für die Verlängerung dieses Abenteuerurlaubs sind gar nicht abzuschätzen.

Tränen in den Augen

Aber daran denken die Geretteten wohl noch nicht. „Das war eine emotionelle Achterbahn“, sagte Joanne Sim mit Tränen in den Augen, als sie endlich auf der „Aurora Australis“ angekommen war. Die Frau aus Sydney gehörte zu den 52 Passagi eren und Wissenschaftlern auf dem russischen Schiff „Akademik Shokalskiy“, das seit dem ersten Weihnachtsfeiertag vom Eis in der Antarktis eingeschlossen war. Nach tagelangem Warten konnten die Gestrandeten nun endlich per Hubschrauber befreit werden. Mehrere Versuche von Eisbrechern, das Schiff zu erreichen, waren in den vergangenen Tagen gescheitert. Zuletzt wurden die Rettungsversuche noch zusätzlich erschwert, als der chinesische Eisbrecher „Xue Long“ – das heißt übersetzt „Seedrache“ – , selbst eingeschlossen wurde.

Der ursprüngliche Plan, die Passagiere per Hubschrauber zur „Xue Long“ zu transferieren und von dort mit einem kleineren Boot zu dem australischen Forschungsschiff „Aurora Australis“ zu bringen, musste aufgegeben werden. Erst am Nachmittag bot sich den Rettern die Chance, auf die sie seit Tagen bei schlechtem Wetter im antarktischen Hochsommer gewartet hatten. Es wurde entschieden, den gelb-roten Hubschrauber auf dem Eis nahe der „Akademik Shokalskiy“ zu landen und die Passagiere von dort direkt auf eine Eisplatte nahe dem australischen Eisbrecher zu bringen. Fünf Flüge waren notwendig, bis alle gerettet waren. Sie wurden mit einem Essen begrüßt und in Kabinen auf dem Schiff untergebracht.

Das wird ein teurer Abenteuerurlaub in der Antarktis

Die lange Wartezeit in den letzten Tagen hatten sie mit Filmen und Spielen an Bord des russischen Schiffes verbracht. Wenn es das Wetter erlaubte, unternahmen sie Spaziergänge auf dem Eis. Muru Murugesan, eine indischstämmige Australierin aus Sydney, berichtete, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann die Rettung stattfinden würde, dass sie und andere Passagiere keine Angst hatten und die Aktion sehr gut organisiert worden sei. Entsprechend gut war die Laune. Jeden Tag wurde die Weltöffentlichkeit über den neuesten Stand informiert, Fotos und Videos von gut gelaunten Passagieren machten die Runde. Der Leiter der Expedition auf den Spuren des australischen Antarktis-Forschers Sir Douglas Mawson, Chris Turney, schickte eine Nachricht per Twitter: „Ein großes Dankeschön an die Chinesen und die australischen Antarktisleute für ihre harte Arbeit!“ Die 22-köpfige Besatzung des russischen Schiffes blieb an Bord. Sie hofft, in den nächsten Tagen bei besserem Wetter aus eigener Kraft freizukommen.

Rettungsaktion in der Antarktis
02.01.2014: In der Antarktis hat die Rettung der tagelang im Eis eingeschlossenen Wissenschaftler und Touristen begonnen. Ein Hubschrauber des nahe gelegenen Eisbrechers „Snow Dragon“ landete am Donnerstag in der Nähe der „MV Akademik Shokalskiy“ auf dem Eis.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: AFP/Andrew Peacock / www.footloosefotography.com
02.01.2014 11:3602.01.2014: In der Antarktis hat die Rettung der tagelang im Eis eingeschlossenen Wissenschaftler und Touristen begonnen. Ein...

Jetzt kommen die Fragen: Wer zahlt für die Rettung? War der Ausflug nötig? War er gar fahrlässig? Australische Medien schätzen den Preis für die Rettungsaktion der Wissenschaftler und Touristen auf mehrere Millionen Dollar. Kosten für Such- und Rettungsaktionen werden laut Statut der australischen Seesicherheitsbehörde (Amsa) zwar getragen. Das dürfte allerdings nicht mögliche Forderungen der Eigner der zur Hilfe herbeigeeilten Eisbrecher einschließen.

Das Internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (Solas) verpflichtet Schiffe auf hoher See, auf Notrufe umgehend zu reagieren. In der Regel kann der Eigner des in Not geratenen Schiffes später zur Kasse gebeten werden. Die „Shokalskiy“ fährt unter russischer Flagge – die Australasiatische Antarktis-Expedition 2013/14 hat sie gechartert. Im Chartervertrag müsste die Haftpflicht für Rettungsaktionen näher geregelt sein.

Die bedrohte Welt der Antarktis
Adeliepinguine stürzen sich von einem Eisberg ins Meer. Kein Pinguin brütet weiter südlich als dieser. Sie sind an ihren Lebensraum perfekt angepasst. Ihren Namen haben die Adeliepinguine 1930 vom französischen Entdecker Jules Dumont d'Urville bekommen, der sie nach seiner Frau benannte. Die Pinguine werden etwa 70 Zentimeter hoch und wiegen bis zu sechs Kilogramm, gehören also zu den mittelgroßen Pinguinen. Am 15./16. Juli berät die zuständige internationale Kommission zur Erhaltung lebender Meeresschätze (CCAMLR) in Bremerhaven darüber, ob zwei großflächige Meeresschutzgebiete rund um den Südpol eingerichtet werden. Die Zustimmung ist groß, doch die Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden - und noch tun sich China, Russland, Norwegen und die Ukraine schwer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Michael Poliza/WWF
15.07.2013 20:25Adeliepinguine stürzen sich von einem Eisberg ins Meer. Kein Pinguin brütet weiter südlich als dieser. Sie sind an ihren...

Drei Eisbrecher hatten seit Heiligabend ihren Kurs geändert, um der „MV Akademik Shokalskiy“ zur Hilfe zu eilen. Das französische Schiff drehte nach drei Tagen wegen der aussichtslosen Lage ab und wurde aus der Helferpflicht entlassen, aber die Eisbrecher „Snow Dragon“ aus China und die „Aurora Australis“ aus Australien mussten ihre eigentliche Arbeit tagelang unterbrechen. Allein die „Aurora“ schlägt nach Medienberichten in Australien mit fast 40 000 Euro Kosten zu Buche – pro Tag.

Die Verzögerung hat schwere Folgen für das Forschungsprogramm

Die Schiffe waren zudem auf wichtigen Arbeitseinsätzen unterwegs. Die „Aurora“ war etwa dabei, Nachschub und wissenschaftliche Geräte an der australischen Antarktisstation Casey auszuladen, als der Notruf kam. Sie brach die Entladung ab und eilte innerhalb von Stunden zum Noteinsatz, wie einer der Wissenschaftler an der Station, Joe McConnell, dem „New York Times“-Reporter Andrew Revkin schrieb.

Alle Passagiere des festsitzenden Schiffs gerettet

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„Die kurz- und langfristigen Folgen für das australische Forschungsprogramm sind enorm, und das dürfte für das französische und chinesische Programm auch gelten, weil ihre Eisbrecher umgeleitet wurden“, schrieb er. „Viele Leute können ihre Forschungsprojekte, die sie teils jahrelang vorbereitet haben, nicht fortsetzen, weil ihr Material immer noch an Bord der „Aurora“ ist.“ Wegen der extremen Wetterverhältnisse können Eisbrecher die Forschungsstationen nur im kurzen antarktischen Sommer anfahren. Dabei zählt jeder Tag. Allerdings war die „Shokalskiy“ selbst auf wissenschaftlicher Mission unterwegs. Expeditionsleiter Chris Turney ist Klimaforscher.

Er wollte Eisveränderungen in der Antarktis über einen langen Zeitraum dokumentieren. Dazu folgte er der Route des Polarforschers Douglas Mawson, der die Region vor 100 Jahren erkundete. „Aufbauend auf den Messungen von vor 100 Jahren unternimmt die Australasiatische Antarktis-Expedition 2013/14 ein Forschungsprogramm, um gegenwärtige und künftige Veränderungen in der Antarktis und dem südlichen Ozean besser zu verstehen“, schrieb Turney.

Die „Shokalskiy“ wurde einst als Polarforschungsschiff gebaut, ist für den Einsatz in der Antarktis also bestens ausgestattet. Dass neben den Wissenschaftlern auch zahlende Touristen an Bord waren, ändert nichts daran, dass die Expedition für alle Eventualitäten gewappnet war. „Die Wetterverhältnisse sind eben unberechenbar“, twitterte Turney. (mit dpa)

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