Welt : Anthologie: Es schläft ein Song in allen Dingen

Moritz Schuller

Im März 1973 schreibt der englische Schriftsteller Kingsley Amis an seinen Freund Philip Larkin: "Deine Anthologie sieht ganz ordentlich aus und scheint ja auch ziemlich gut angekommen zu sein. Ein großer Teil davon ist Pisse, finde ich, aber was soll ich mich beschweren, wo doch soviel von mir reingekommen ist. Ich hoffe, es bringt Dir eine Menge Geld ein." Die von Larkin editierte Gedichtsammlung "The Oxford Book of Twentieth-Century English Verse", an der er zwei Jahre in einem Oxforder College gearbeitet hatte, war gerade erschienen. Er hatte dafür unter anderem ein paar Gedichte von Amis und einige eigene ausgewählt, aber auch die Arbeiten heute längst vergessenen Dichter wie Norman Cameron oder Adrian Henri.

Hilfe für den unverbildeten Leser

Bei Larkinscher Geschwindigkeit hätte das Unternehmen des Herausgeberteams um Werner von Koppenfels, eine Auswahl der gesamten englischen und amerikanischen Dichtung zu treffen, rund 16 Jahre in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dank der größzügigen Unterstützung durch die Robert Bosch Stiftung, die vor einigen Jahren einen ähnlichen Gesamtüberblick der französischen Lyrik mitfinanziert hatte, war man schneller. Jetzt, da die zweisprachige "Englische und amerikanische Dichtung in 4 Bänden" erschienen ist, könnte man den Herausgebern den ersten Satz des Amis-Zitats zurufen (auch wenn Amis selbst außen vor gelassen wurde): Die Bände sehen nicht nur ordentlich aus, sie sind geradezu ein Vergnügen. Schön aufgemacht, sorgfältig ausgewählt, umfangreich und mit knapp gefassten Anmerkungen, Biografien und Bibliografien zu den einzelnen Dichtern, als Hilfen für den "unverbildeten Leser", wie ihn Koppenfels nennt. Register der Anfangsverse und der Übersetzernamen erleichtern den Umgang mit 2700 Seiten Poesie. Von Chaucer über Dryden und Tennyson bis zu der von Seamus Heaney verkörperten Gegenwart erstreckt sich die Chronologie der ersten drei Bände. Die amerikanische Dichtung "von den Anfängen bis zur Gegenwart" passt in einen einzigen, den vierten Band, und Derek Walcott vertritt, eher symbolisch, die englischsprachige Dichtung außerhalb der Mutterländer. Später soll sie durch einen eigenen Band dokumentiert werden.

Eine gute Anthologie, darauf weist schon Amis hin, zeichnet sich durch eine gute Auswahl aus: Nicht jeder verdient es, aufgenommen zu werden. Bei einer zweisprachigen Ausgabe kommt hinzu: Welche Übersetzung verdient es, dem Original gegenübergestellt zu werden? Koppenfels wehrt sich in seiner Einleitung gegen das "immer noch in vielen Köpfen verankerte Dogma von der Unübersetzbarkeit der Poesie", und die aus einem erstaunlich großen Pool versammelten Übersetzer geben ihm vornehmlich recht. Zwanglos in der Wiedergabe, samt Halbreimen, Assonanzen und rhythmisierter Prosa, alles in dem Versuch, so Koppenfels, dem "Plüsch und Krampf" entgegenzutreten.

Übersetzerfreiheit fächert auch immer die Qualität, doch wem Paul Celans verdeutschte Shakespeare-Sonette oder Enzensbergers Wallace Stevens-Übertragungen missfallen oder die (ausgezeichneten) Übersetzungen von Eva Hesse, kann sich jederzeit mit dem Original befassen. Dieses Angebot bleibt das Hauptverdienst der Ausgabe.

Doch welche englischsprachigen Gedichte verdienen es, zusammengetragen zu werden? Larkin an Amis: "Erst dachte ich, Troilus and Criseyde sei das langweiligste englische Gedicht. Dann dachte ich, es sei Beowulf. Dann war es Paradise Lost. Jetzt weiß ich, dass The Faerie Queene das nervtötendste ist, das je geschrieben wurde." Geoffrey Chaucer, John Milton und Edmund Spenser, die Autoren der Gedichte, sind dennoch Teil der Ausgabe (Beowulf, das altenglische Heldengedicht, fehlt): Um die klassischen Gedichte der klassischen Dichter, wenn auch nicht immer in voller Länge, wollten die Herausgeber keinen Bogen machen.

Ähnlich wie bei den Übersetzungen entgehen sie auch hier dem Vorwurf, eine schlechte Auswahl getroffen zu haben, indem sie erst gar keine treffen. Marvell? - "The Coronet", "Bermudas", "On a drop of Dew", "To his coy Mistress", "An Horatian Ode" und sogar einiges mehr. Williams Morris? - "Love is enough", "Forget six counties", "A Death Song". Larkin? - "Love, we must part now", "Church Going", "High Windows", "Love Song in Age". Keiner, der dabei sein müsste, fehlt. Auch Oscar Wilde, berühmt und irisch, aber nicht gerade ein berühmter englischer Dichter, ist dabei, und im vierten Band erscheint sogar Herman Melville, der große amerikanische Prosa-Autor. Die Klassiker und im Zweifelsfall ruhig ein wenig mehr: ein gutes Rezept, dem die Herausgeber vor allem in den englischen Bänden gefolgt sind. Je mehr Gedichte dabei sind, umso weniger können fehlen.

Doch bei einem solch ganzheitlichen Ansatz rücken die Lücken umso deutlicher ins Licht. T. S. Eliot, der wunderschön salomonisch sowohl im englischen als auch im amerikanischen Band erscheint, wird nur im Nachwort in Zusammenhang mit dem "Waste Land" genannt. Das Gedicht selbst fehlt. Eva Hesse, die Herausgeberin des amerikanischen Bandes, schreibt, dass die "Begrenzungen und Verkürzungen" des Umfangs den Herausgebern "schmerzhaft bewusst" seien. Und fügt entschuldigend hinzu, dass Eliots Gedicht "ohnehin nur ungekürzt anthologisiert" werden darf. Das mag wohl so sein, doch auf den zwanzig Seiten, die Eliot zugestanden werden, hätte auch das "Waste Land" leicht Platz gefunden.

Dies soll der Vers sein

Allen Ginsburgs "Howl", kein großes Gedicht, aber als moderner Klassiker durchaus zum Konzept der Ausgabe passend, sucht man vergeblich, wie auch Byrons "Prometheus" oder Larkins "This be the verse", eines der Lieblingsgedichte von Kingsley Amis. Auch diese vier Bände bleiben eben eine Anthologie, auch wenn sie die guten Wünsche von Kinsgley Amis verdient hat: mögen sie den Herausgebern viel Geld einbringen.

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