Aostatal : Kinder ausgesetzt: Polizei geht von Verzweiflungstat aus

Ein deutsches Paar hat drei Kinder in einer Pizzeria in Italien ausgesetzt. Die Polizei hat offenbar wenig Hoffnung, die Erwachsenen lebend zu finden. Die Kinder sollen bald nach Deutschland zurückkehren.

Katie Kahle[dpa]

RomAlles sah nach einem harmonischen Urlaub im italienischen Aostatal aus, als ein junges Paar mit drei Kindern anreiste. Doch dann kam alles anders. Die 26-jährige Deutsche aus Finnentrop im Sauerland und ihr 24-jähriger Freund werden inzwischen von der Polizei gesucht. Denn sie ließen die Kinder - zwei Jungen im Alter von zehn Monaten und sechs Jahren und ihre vier Jahre alte Schwester - am Sonntagabend in einer Pizzeria im norditalienischen Aosta allein zurück. Seitdem fehlt von dem Paar jede Spur. Die Polizei vermutet, dass die beiden in finanziellen Schwierigkeiten sind.

"Sie wirkten wie das klassische junge Paar mit ihren hübschen Kindern." Ezio Gevroz kann es noch immer nicht fassen. In seinem "Hotel Joli" in Aosta war die Familie, die sich nach Medienangaben schon seit dem 14. April in Italien aufhielt, am Samstagabend untergekommen. "Erst als ich am Sonntag feststellen musste, dass ihre Kreditkarte leer ist, kamen mir Zweifel, aber sie wollten ja bis Montag bleiben."

"Mami geht nur eine Zigarette rauchen"

Wie die Polizei feststellte, hatten die Eltern ihren Wagen kurz nach der Autobahnausfahrt Aosta stehen lassen, nachdem ihnen der Sprit ausgegangen war. Sie waren ohne Gepäck unterwegs gewesen. "Mir kam das schon so komisch vor am Sonntagabend. Die Kinder waren viel zu leicht bekleidet, ohne Jacke und ohne Schirm sind sie in die Pizzeria gegangen, und es regnete doch", sagt der Wirt. "Mami geht nur eine Zigarette rauchen", soll die Mutter zu ihren Kindern gesagt haben, bevor sie verschwand.

Die Angestellten des Restaurants sahen das Pärchen noch etwa eine Viertelstunde rauchend vor dem Eingang, dann war plötzlich keiner mehr da. Während die Kinder fröhlich weiter aßen, fingen die Mitarbeiter an zu suchen - auf der Toilette, auf dem Parkplatz. "Wir konnten uns schlicht nicht vorstellen, dass die beiden Erwachsenen die Kinder einfach so zurückgelassen haben", sagt der Pizzabäcker. Nach einiger Zeit habe man die Polizei alarmiert.

"Wenn du willst, zeig ich dir, wo Mamis Auto ist", soll der Sechsjährige zu der einzigen Deutsch sprechenden Polizistin gesagt haben. Mit Hilfe des Jungen finden sie den verlassenen Ford Fiesta. In der zurückgelassenen Handtasche stoßen die Beamten auf einen Zimmerschlüssel des Hotels. Gefunden wird auch ein Tagebuch. "Den Aufzeichnungen konnten wir entnehmen, dass die beiden sich in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten befunden haben müssen", erklärt Alessandro Carmeli, Polizeichef von Aosta. Noch schlimmer sei allerdings, dass aus dem Text Selbstmordabsichten hervorgingen. Die Beamten gehen nun von einer Verzweiflungstat aus.

Die Kinder waren noch am Sonntagabend im Krankenhaus untersucht worden. Inzwischen sind sie in der Obhut des Sozialdienstes der italienischen Stadt. Gesundheitlich seien sie gut beieinander. "Wir haben außerdem über Interpol die Großeltern ausfindig gemacht, die jetzt auf konsularischem Weg das Sorgerecht beantragen können", sagt Carmeli. Im Moment liege die Zuständigkeit allerdings beim Jugendgericht von Turin, da die Kinder in Italien ausgesetzt wurden.

"Wir haben grünes Licht von den italienischen Behörden. Am Donnerstag fahren zwei Mitarbeiter des Jugendamtes nach Italien", sagte ein Sprecher der zuständigen Olper Kreisverwaltung am Mittwoch. Die beiden Jungen und ihre Schwester sollen am Freitag wieder ins heimische Sauerland kommen.

Leiblicher Vater im Gefängnis

Der leibliche Vater wurde 2006 zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er eine vierte Tochter so sehr geschüttelt hatte, dass sie starb. "Der Mann verbüßt eine Haftstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Siegen. Dort werde geprüft, ob sich die Mutter und ihr Begleiter einer Straftat schuldig gemacht haben.

Der italienische Zivilschutz hat unterdessen in der gesamten Region Aostatal umgehende Suchmaßnahmen eingeleitet, vor allem entlang der zahlreichen Wasserläufe - bisher ohne Erfolg. Das Paar bleibt verschwunden und die Beamten scheinen wenig Hoffnung zu haben, es lebend wiederzufinden. Nur die Kleinen geben ihre Hoffnung nicht auf: "Mami wird bald wieder da sein", hatte der Älteste Sonntagnacht seine kleine Schwester beruhigt.

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