Archäologie : Die doppelt schöne Nofretete

3300 Jahre ist die Skulptur alt. Doch Röntgenstrahlen zeigen erst jetzt das wahre Gesicht der Pharaonengattin. Es gibt Rätsel auf: Wollte sie nur schöner erscheinen? Oder ging es darum, das Ebenbild für die Ewigkeit zu rüsten?

Karin Schädler
Nofretete
Die schöne Nofretete. -Foto: dpa

Vielleicht wollte Nofretete, die berühmteste Pharaonenfrau des ägyptischen Altertums, einfach ein paar Fältchen weniger haben. Für die Forscher wäre das zumindest eine Erklärung für ihre erstaunliche Entdeckung an der bekannten Nofretete-Skulptur, die im Ägyptischen Museum in Berlin ausgestellt ist. Durch modernste Röntgenaufnahmen fanden Wissenschaftler um den Radiologen Alexander Huppertz vom Imaging Science Center der Berliner Charité heraus, dass sich unter der Oberfläche der Skulptur ein zweites, verborgenes Gesicht befindet. Die äußere Gipsschicht ist nur ein bis zwei Millimeter dick. Das neu entdeckte Gesicht darunter ist nicht nur eine Rohfassung, sondern bereits präzise in den weichen Kalksteinkern gemeißelt.

„Auch das darunter liegende Gesicht ist gleichmäßig und extrem gut ausgearbeitet – eine exzellente bildhauerische Leistung“, sagt Bernd Hamm, Radiologe an der Charité und Mitautor der Studie, die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Radiology“ veröffentlicht wurde (Band 251, Seite 233-240). Danach hat Nofretete im „äußeren“ Gesicht etwas ausgeprägtere Wangenknochen, dafür fehlen zwei kleine Falten am äußeren Mundwinkel. „Viele gehen davon aus, dass sie nicht idealisiert, sondern personifiziert wurde“, sagt Hamm. Schließlich sind beim „äußeren“ Gesicht im Augenwinkel auch ein paar Fältchen hinzugekommen. „Beide Gesichter haben eine besondere Ausstrahlung“, meint Hamm.

Von den großen Fortschritten in der Medizintechnologie kann nun also auch die Archäologie profitieren. Nofretete ist nicht die einzige Berühmtheit des Altertums, die sich einer Röntgenuntersuchung unterziehen muss. „Da werden weitere Dinge folgen“, sagt Huppertz. Es gebe viele Kunstgegenstände aus dem alten Ägypten, die ein „inneres Kunstwerk“ verbergen. In der Röntgentechnologie und bei der dreidimensionalen Visualisierung der Ergebnisse habe es „gigantische Fortschritte“ gegeben, sagt Huppertz. 1992 wurde die Nofretete-Skulptur schon einmal geröntgt. Doch ging es nur darum zu klären, ob sie echt ist. Mittlerweile könne man mit der Technik sogar herausfinden, wie ein Kunstwerk genau entstanden und wie gut es im Inneren erhalten ist. Beschädigt wird es bei der Prozedur nicht.

Bei der Nofretete stellte sich durch die aktuelle Studie heraus, dass es einige Schwachstellen in der Gipsschicht und an den Schultern der Skulptur gibt. Auf den Röntgenbildern waren an mehreren Stellen Lufteinschlüsse und Spalten zu sehen. Dadurch sei sie „vibrations- und berührungsempfindlich“. Ob sie dadurch auch transportunfähig sei? „Das ist sicherlich als Schluss daraus zu ziehen“, sagt Huppertz.

Für Mediziner Huppertz war die Arbeit mit der Nofretete spannend. „Das ist schon ein ganz ungewöhnlicher Arbeitsablauf“, sagt Huppertz. „Wir Radiologen sind es eigentlich gewöhnt, Bilder zu machen, um medizinische Fragestellungen zu beantworten.“ Bei den Untersuchungen der Nofretete hätten sich die Mediziner dagegen intensiv mit dem archäologischen Hintergrund beschäftigen müssen. Jedem Arbeitsschritt sei ein Gespräch mit den Ägyptologen gefolgt. „Das war ein sehr intensiver Austausch“, berichtet Huppertz.

Warum der königliche Bildhauer Thutmosis oder einer seiner Mitarbeiter das zweite Gesicht gefertigt hat, wird unter Ägyptologen kontrovers diskutiert. Möglicherweise waren Nofretete oder Pharao Echnaton mit der ersten Version nicht zufrieden. Oder das Material wurde als zu verletzbar betrachtet und sollte durch die zweite Schicht verstärkt werden.

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