ARD-Gala : Weihnachtliche Nebenbeschäftigung

Nicht einmal ein Pferd macht jeden Zirkus mit: "Stars in der Manege" können Artisten sein - oder doch nur prominent.

Mirko Weber[München]
Kleinert
Große Gesten, kleine Pferde. ARD-Wetterfee Claudia Kleinert versuchte, die Pferde des Circus Krone zu dirigieren. -Foto: ddp

Ob sie ihn und das Folgende in der Aufzeichnung bringen? Steve Rawlings – ja, was ist der? Komödiant? Comedyant? egal! – genialer britischer Jongleur mit ziemlich großer Klappe jedenfalls („Niemand schläft, wenn ich arbeite!“), wippt gerade den Manegenrand im Münchner Zirkus Krone entlang und ziemlich direkt auf den Fußballer Bastian Schweinsteiger und dessen Freundin zu, ist aber prinzipiell auch dem Oberbürgermeister der Stadt München Christian Ude, ohne Frau, aber in weiblicher Begleitung, und dem Ministerpräsidenten des Freistaates, Günther Beckstein, mit Frau Marga, nahe; die sitzen nämlich direkt dahinter. Und dann brüllt Rawlings weniger persönlich adressiert als vielmehr pauschal in den Block: „Ich bin nicht schwul, aber bei Dir mach' ich ne Ausnahme!“. Ganz große Gaudi.

Wer Rawlings aus dem Zirkus Krone kennt, weiß, dass dies ein bewusst tiefergelegter Brüller aus dem Repertoire ist, andererseits hat die zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk und zugunsten von Kindern in Not und der Werner- Friedmann-Stiftung hier zur Wohltätigkeitsgala einladende Münchner „Abendzeitung“ (AZ) in der vergangenen Woche eigentlich fast nichts anderes zu tun gehabt, als von allen ihr möglichen Seiten zu beleuchten, dass der OB eben nicht homosexuell sei, wie immer wieder „aus der Szene“, wie es in der „AZ“ gerne heißt, kolportiert wird. Obwohl die „AZ“ es fast immer schafft, ihren Boulevard gossenrein zu halten, hatte das Ganze einen unangenehmen Hauch von Apokalypse. Rawlings aber pfeift drauf und pflegt die Anarchie, für alle soweit annehmbar. Ein Zirkustier eben, ausgestattet mit dem richtigen Instinkt.

Tucholsky hat unter anderem hinterlassen, dass die Operette die Oper des kleinen Mannes sei. Das stimmte schon zu seiner Zeit nicht, da gingen die Leute, die er meinte, bereits lieber in den Zirkus. Dann wurde das Kino für daheim erfunden, aber die Leute gingen weiterhin in den Zirkus, und jetzt könnte das Kino daheim sogar dauernd laufen und gänzlich nach Eigenregie. Und was machen die Leute? Gehen immer noch in den Zirkus. Warum? Ein bisschen ist es wie beim Fußball: Man weiß nie, wie's ausgeht.

Erst recht weiß man das nicht bei „Stars in der Manege“, schließlich treten hier – seit mittlerweile 45 Jahren – Personen auf, die von Haus aus keine Vollblut-Artisten sind, sondern, nun ja: prominente Fernsehkünstler. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr, wie sich dann oft herausstellt, wenn für die aufzuzeichnende Sendung Anfang Dezember harte Arbeit gefragt ist. Von nichts kommt, anders als öfter beim Fernsehen, nichts beim Zirkus, und genau dieser – vielleicht kleinbürgerliche – Kunstmaßstab, zieht die Zuschauer an. Und manchen reißt es drinnen dann doch unverhofft vom Sitz: Als Heino Ferch, der neuerdings am Ammersee privat Tiere züchtet, zuletzt wie ein Gladiator lässig über Pferderücken turnte und obendrauf stehend thronte, war wieder einmal eine Marke vorgegeben. So weit, sah man, kann es einer als Gast im „Krone“ bringen. Mit Fleiß.

In diesem Jahr übernimmt diesen Part Joey Kelly, jenseits der Familienbande. Er steigt bis fast unters „Krone“-Dach und wird dann, schweißtriefend, doch nie schwindelig, fast selbstverständlich zum Partner von Mica Mijiddorj auf dem Hochseil. Auch die RTL-Moderatorin Nazan Eckes hat schwer an sich gearbeitet, sagt kein einziges Wort, sondern dreht sich nur um sich selbst an der Luftspirale der Hauskünstlerin Elmira Zemskova. Eckes und Kelly sind die einzigen, die von ihren jeweiligen Lehrern aufrichtig umarmt werden. Wer hinschaut, ahnt, warum.

Auch das Publikum honoriert, wenn ordentlich geschafft wird: So erhält Harald Krassnitzer, der weiterhin an seinem Image als Abenteuer-Austriake arbeitet, dann doch noch mächtig Applaus für eine Nummer, die beschwerlich zu nennen untertrieben wäre. In einem fort wuchtet der Schauspieler Krokodile durchs Rund, die wenig Interesse an ihren permanenten Standortwechseln zeigen. Auch Wolke Hegenbarth, die sich mächtig auf einem Elefantenrücken verrenken lässt, kommt gut weg. Weniger erbaut ist das Auditorium von einer Luftnummer des Fast-Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton, der zweimal mit dem Illusionstuch wedelt – und dann ist er weg.

Dann schon lieber Gaby Dohm, die, mit den Taschen voller Futter, eine ordentliche Hundedressur zustande bringt. Und Claudia Kleinert, von der als Bonbonniere verpackten Moderatorin Sonya Kraus als „Wetterfee mit acht Pferdestärken“ angekündigt, findet rasch heraus, dass es nicht viel hilft, wenn man die ganz großen Gesten auspackt. Die Tiere müssen einen schon kennen, und selbst ein Pferd macht nicht jeden Zirkus mit.

Bevor hauseigene, teils herausragende Kräfte wie der Körperkünstler Dima Shine und die chinesischen Trapez-Überflieger „Flying Warriors“ wie üblich den Saal kollektiv hinreißen, kommt noch Heinz Hoenig als Clown. Er spielt eine Episode nach, die Micha Usov erfunden hat, ein eher sparsamer Mime mit großen Augen, einem sehr poetischen Humor und spinnwebfeiner Gestik: das Gegenteil von Hoenig. Der wiederum passte als leibhaftiger Schrank zwar nicht in Usovs Janker, aber dessen schauspielerisches Grundmuster steht auch ihm. Bescheiden und begeistert zugleich lässt es Hoenig Plastiktüten regnen, mit denen er dann jongliert, als seien sie (un)heimliche Preziosen: Keine große Kunst, kein Riesenakrobat. – Aber schön!

Die ARD sendet „Stars in der Manege“ am 26. Dezember um 20.15 Uhr

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