Welt : "Arias & Scenes": Du bist der Lenz

Frederik Hanssen

Merkwürdige Berufsbezeichnung: Karita Mattila ist eine klassische "Jugendlich-Dramatische". Keine "Lyrische" mehr und noch keine "Hochdramatische". Ersteres war sie, in den frühen Jahren ihrer Karriere ab 1983, letzteres dürfte sie bald werden. Und das wird wunderbar sein, so wie es wunderbar war, als sie die so genannten "leichten" Mozart-Rollen sang - wobei "leicht" nur ein Versuch ist, die Partien gegen das "schwere" Wagner-Fach abzusetzen. Denn einfach zu singen sind die "Figaro"-Gräfin oder die Donna Anna beleibe nicht. Vor allem, wenn man eine künftige Hochdramatische ist wie Karita Mattila. Doch die kluge Finnin setzte sich selber das Ziel, so lange an ihren Mozart-Rollen zu arbeiten, bis ihre Technik reif sein würde für die physisch anstrengenderern, gewichtigen Sopranpartien. Bei Puccini, bei Strauss, auch bei Wagner kann man sich als Sänger im dichten Orchestersound "verstecken". Bei Mozarts fein zisiliertem Instrumentalsatz steht man nackt da. Jede Unsauberkeit, jede Intonationstrübung fällt gnadenlos auf.

Diese harte Schule des Mozart-Gesangs hat Karita Mattila zu dem gemacht, was sie heute ist: zu einer der besten Interpretinnen des Musiktheaters weltweit. Karita Mattila geht voll und ganz in den Figuren auf, die sie verkörpert, doch sie reißt die Rollen nicht an sich wie einst Maria Callas, die aus jeder Person immer eine Callas-Heldin machte. Mattilas Intensität entsteht aus einer Mischung von Intellekt, technischer Meisterschaft und Sensibilität. Um den Opernfrauen nahe zu kommen, arbeitet sie Details heraus, durch die der Komponisten seiner Heldin Individualität verleiht, sucht nach dem ganz eigenen Ton der Charaktere. Niemand muss des Tschechischen mächtig sein, um sofort zu verstehen, worum es in Janáceks "Jenufa" geht, wenn Karita Mattila "Mamicko, mám t"e"zkou hlavu" singt. Dass Darstellungsintensität Schöngesang nicht ausschließt, führt Karita Mattila auch auf ihrer neuen Arien-CD vor. Sie hat herrlich modellierte Phrasen für Verdis "Simone Boccanegra"-Amelia, das Expressive für Tschaikowskys "Pique Dame"-Lisa. Ihre Sieglinde beginnt fast schüchtern mit der Wanderer-Erzählung: Da spricht eine junge Frau, die zu viele schlechte Erfahrungen mit dem starken Geschlecht gemacht hat, um sich Siegmund sofort zu öffnen. Langsam nur fasst sie Zutrauen zum Zwillingsbruder, bezieht ihn immer mehr in ihre Gefühlswelt ein, bis der liebesselige Jubel aus ihr herausbricht: "Du bist der Lenz!" Welche emotionale Leuchtkraft hat ihre Chrysotemis! Und Hanna Glawari schließlich ist bei ihr eine wissende Witwe von kitschfreier Verführungskunst.

Dass sie in dem jungen Dirigeten Yutaka Sado einen Partner an ihrer Seite hat, der mit dem London Philharmonic Orchestra die aus dem Kontext gerissenen Arien zu wirklichen Szenen gestaltet, macht diese CD endgültig zum beglückenden Musiktheatererlebnis für die Ohren.

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