Welt : Armut ist nicht nur Mangel an Geld –  oft fehlen Perspektiven und Freunde

Menschen erleben materielle Not je nach Lebenssituation unterschiedlich

Petra BöhnkeD
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Darauf lässt sich ohne Risiko wetten: Bei der Vorstellung des nächsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung werden Journalisten, Politiker und Wissenschaftler wieder über Definitionen streiten. Was ist Armut? Wie wird sie am besten gemessen? Von welcher Grenze an ist jemand arm? Je nachdem, welche Datenbasis verwendet wird, unterscheidet sich die Armutsquote zum Teil erheblich. Legt man das Jahreshaushaltseinkommen zu Grunde, waren 2005 18,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland arm. Bezieht man sich auf monatliche Einkünfte, lag die Quote bei nur 12,8 Prozent. Die Gründe für diese Abweichungen sind nur schwer zu vermitteln. Auch deshalb lässt das Zahlenwerk den Betrachter ratlos zurück. Zudem sagen die Prozente kaum etwas über die Lebenswirklichkeit der Armen.

Neuere sozialwissenschaftliche Forschung will daher weg von der fehleranfälligen Armutsmessung über das Einkommen. Sie ist vielmehr daran interessiert, wie Armut das Leben der Menschen verändert – über rein materielle Aspekte hinaus. Teilhabe und Zugehörigkeit sind in dieser Debatte zu Schlüsselbegriffen geworden. Die Frage ist nicht mehr allein, wer ist arm und wie viele, sondern wie Armut die Lebensqualität und die Empfindungen der Betroffenen beeinflusst.

Inzwischen wissen wir, dass materielle Armut einen spürbaren Einfluss auf die soziale Teilhabe hat. Arme Menschen sind eher krank und leben kürzer. Sie stehen dem politischen System kritischer gegenüber und gehen seltener zur Wahl. Arme Menschen sind weniger zufrieden mit ihrem Leben und schneller verunsichert. Sie klagen öfter über Orientierungslosigkeit und fehlende Anerkennung. Arme haben zudem kleinere soziale Netzwerke, die kaum über die eigene Familie hinausreichen; sie können sich nicht im gleichen Maß wie Wohlhabende Unterstützung „kaufen“. Armut bedeutet also weit mehr, als sich weniger leisten zu können.

Aber was ist hier Ursache und was Wirkung? Ist Einsamkeit eine Folge von Armut, weil sich arme Menschen schämen, zurückziehen, stigmatisiert sind? Oder umgekehrt: Ist Armut eine Folge der geringen Zahl sozialer Kontakte, weil die Größe des Bekanntenkreises über den Zugang zu Informationen und Unterstützung entscheidet? Macht Armut krank oder macht Krankheit arm? Verarmung ist ein schleichender Prozess. So sinkt zwar die allgemeine Lebenszufriedenheit mit dem Abstieg in Armut, aber ansonsten bleibt er zunächst ohne Wirkung. Das zeigt eine neue Auswertung von Daten des Sozio-ökonomischen Panels, der regelmäßigen Befragung von über 10 000 Haushalten in Deutschland. Der Grund: Der jähe Absturz kommt selten vor. Meist fallen Menschen unter die magische Einkommensgrenze, die ohnehin schon wenig hatten und wenig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Schon bevor sie in der offiziellen Statistik als Arme auftauchen, sind ihre Teilhabechancen deutlich schlechter als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Entscheidend ist nun, wie lange Menschen in Armut leben. Je länger die Armut andauert, umso stärker büßen die Betroffenen an Lebensqualität ein. Ihr Gesundheitszustand wird schlechter, sie gehen kaum noch zu kulturellen Veranstaltungen und zeigen weniger politisches Interesse. Sie werden unzufriedener mit ihrem Leben. An Armut gewöhnt man sich nicht. Materielle Benachteiligung übersetzt sich auf lange Sicht in gesellschaftlichen Ausschluss.

Nun lautet eine populäre These, dass sich nicht nur Arme oder Arbeitslose von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, sondern auch weite Teile der Mittelschicht. In der Tat ist die Mittelschicht in den vergangenen Jahren zunehmend verunsichert worden. Eine Garantie gegen eine Hartz-IV-Karriere gibt es auch für sie nicht mehr. Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und den Lebensstandard nicht mehr halten zu können, ist weit verbreitet und sorgt für eine allgemeine Anspannung. Dies ist nicht gering zu schätzen. Aber massive Ausgrenzungserfahrungen erleben bisher mehrheitlich Langzeitarbeitslose und dauerhaft Arme – und nicht die Mittelschicht.

Das Gefühl, außen vor zu sein, wird verstärkt durch einen fehlenden Berufsabschluss, niedrige Bildung oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Angehörige der Mittelschicht verfügen hier über einen entscheidenden Vorteil. Sie sind gut bis sehr gut ausgebildet. Das eröffnet ihnen mehr Perspektiven, und Perspektiven stehen für Hoffnung. Akademiker und Facharbeiter entkommen statistisch gesehen schneller der materiellen Armut. Dass nach wie vor Bildung und Ausbildung über die Chancen innerhalb einer Gesellschaft entscheiden, belegt die bislang geringe Arbeitslosigkeit unter Akademikern.

Emotionaler Rückhalt und Unterstützung durch Freunde können der Gefahr, sich ausgegrenzt zu fühlen, entgegenwirken. Doch gerade Arme verfügen über vergleichsweise wenige soziale Kontakte, sind seltener Vereinsmitglieder und fühlen sich öfter einsam. Hier schließt sich ein Teufelskreis. Materielle Armut muss aber nicht immer in die soziale Isolation führen. Ja, es gibt sie, die glücklichen Armen. Es sind überwiegend junge Menschen, ledig, in Ausbildung, die voller Hoffnung und Perspektiven sind und einen großen Freundeskreis haben; der Statistik nach sind sie arm – in der Langzeitperspektive und in der Selbstwahrnehmung sind sie es nicht. Die Lebensphase sowie die Lebensumstände entscheiden darüber, ob Armut auch den Verlust an Teilhabe bedeutet. Die Mehrheit der Betroffenen allerdings büßt Partizipations chancen, Gesundheit und Wohlbefinden ein, und dies umso stärker, je länger die Armut andauert. Petra Böhnke

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung „Ungleichheit und soziale Integration“

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