Welt : Assistenzsystem bei BMW: Lehrer im Armaturenbrett

Heiko Schwarzburger

Turin ist die Hauptstadt der italienischen Autoindustrie. Auf der Tangenziale, dem Autobahnring um die Metropole, schwimmt der Verkehr, denn seit Tagen gehen sintflutartige Regenfälle nieder. Die Autos fahren langsam, halten große Abstände, doch immer wieder drängeln sich kleine italienische Flitzer in die Lücken. Dann wird der Wagen merklich langsamer, stellt den Sicherheitsabstand zum Vorderfahrzeug automatisch wieder her. "Sehen Sie, jetzt bremst das Fahrzeug von selbst", erklärt Stephan Bujnoch, Entwicklungsingenieur bei BMW. "Mit einem leichten Druck auf das Gaspedal können Sie das Angebot verwerfen und beispielsweise auf die Überholspur wechseln."

Stephan Bujnoch demonstriert den neuesten Prototypen der Bayern, einen hochgerüsteten X5: Elektronik, Kameras, Sensoren und Fahrzeugsteuerung spielen Hand in Hand. Fordert der Fahrer diese Unterstützung an, wie auf der dichten, glatten Tangenziale von Turin, schlägt ihm ein Assistenzsystem die notwendigen Fahrmanöver vor. Damit stößt BMW das Tor zu einer neuen Generation von Autos auf.

Wenn der Fahrer es wünscht, übernimmt ein Autopilot wesentliche Elemente der Steuerung. Das Schlagwort lautet: ConnectedDrive. Der X5 "ConnectedDrive" vereint eine Vielzahl telematischer Neuheiten und beobachtet genau seine Umwelt. Mit seitlich in die Spur wechselnden Fahrzeugen und schwierigen Straßenverhältnissen klarzukommen, das ist nur ein Teil der Aufgaben des neuen Assistenzsystems. Grundlage ist eine digitale Karte, auf der auch Verkehrszeichen und Geschwindigkeitslimits eingetragen sind. Bei der Annäherung an eine Tempo-50-Zone nimmt das System Motorkraft weg, um die Geschwindigkeit des Fahrzeuges auf das vorgeschriebene Limit zu drosseln.

Doch auch dieser Vorschlag kann mit leichtem Druck aufs Pedal verworfen werden. "Wir bieten dem Fahrer diesen Assistenten per Knopfdruck an", erläutert Stephan Bujnoch. "Die Verantwortung bleibt aber bei ihm, denn die Verkehrssituation erfordert manchmal sehr schnelle und ungewöhnliche Entscheidungen." Der elektronische Assistent im ConnectedDrive offeriert seine Hilfe vor allem über die Pedale, darauf reagieren die meisten Autofahrer sensibel. Zusätzlich zeigen Leuchtdioden im Tachometer die zulässige Höchstgeschwindigkeit an.

"Sicher kommen eines Tages die so genannten aktiven Verkehrsschilder, die an kurzzeitigen Baustellen errichtet werden", meint Stephan Bujnoch. "Sie senden einen Hinweis an das Fahrzeug, der elektronische Assistent kann dies dann an den Fahrer weitergeben." Alle paar Sekunden überprüft das Auto seine Position über die Satelliten des Global Positioning Systems (GPS) und vergleicht die Koordinaten mit der Karte. Auf der Turiner Tangenziale klappt das mühelos: Als nach der Geschwindigkeitsbegrenzung ein Tempo-100-Schild in Sicht kommt, bietet der Autopilot sofort mehr Tempo an. Der Abstand zum Vordermann wird ständig über ein eingebautes Radar kontrolliert.

Durch einen Empfänger kann ConnectedDrive auch aktuelle Daten von einer Verkehrsleitzentrale auswerten, beispielsweise Infos über Unfälle oder bevorstehende Staus. Wäre es nicht denkbar, die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs durch elektronische Signale von außen zu steuern? Immer wieder kochen Debatten hoch, wonach Autos im City-Bereich per Leitstrahl zwangsweise auf dem zulässigen Limit gehalten werden sollen.

"Das ist technisch ohne weiteres machbar", bestätigt Thomas Bachmann, bei BMW für Fahrerassistenzsysteme zuständig. "Doch wenn man den Fahrern die Kontrolle über die Geschwindigkeit ihres Autos entzieht, werden sie unaufmerksam. Das Risiko für Fehler steigt." Wissenschaftler der TU Dresden hatten Testpersonen in einen Fahrsimulator gesetzt und mit Kameras die Reaktion ihrer Pupillen verfolgt. Solange die Fahrer selbst das Gaspedal kontrollierten, galt ihre ganze Aufmerksamkeit der Straße. Als die Geschwindigkeit von außen vorgegeben und gesteuert wurde, wanderten die Augen vermehrt zum Straßenrand. Sie ließen sich viel leichter ablenken.

Mit der Verantwortung für die Geschwindigkeit gaben die Fahrer also auch die Verantwortung für ihr Fahrverhalten ab. "Das führt bei kritischen Situationen, die im Straßenverkehr blitzschnell entstehen können, fast zwangsweise zu Unfällen", resümiert Thomas Bachmann. Deshalb habe das vollautomatische Fahrzeug keine Zukunft. "Wir können dem Fahrer nur Vorschläge machen", sagt er. "Die Verantwortung als Verkehrsteilnehmer muss aber bei ihm bleiben."

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