Welt : Astrologie: Sind Skorpione sexy?

Josefine Janert

Das Jahr 2000 begann zwiespältig. Mit einem Jahreshoroskop aus der Frauenzeitschrift "Vogue". Über den Skorpion-Menschen stand da geschrieben: "Positiv: geistreich, geheimnisvoll - und sehr sexy. Negativ: zu sexy? Anlagen zum Kontroll-Freak und Geheimniskrämer." Der als "unberührbar und unerreichbar" eingestufte Skorpion wurde auch vor Gefahren gewarnt: "Immer mehr Leute geraten in Ihren Gesichtskreis, einige von ihnen dringen in Ihre Wohnung und sogar in Ihr Badezimmer vor." Ins Badezimmer? Herrjemine!

Astrologen behaupten, dass sie derartige Voraussagen anhand der Konstellation der Himmelskörper treffen können. Die Welt da oben gebe Aufschluss über das Leben auf der Erde, sagen sie. "Wie oben, so unten", ist denn auch der zentrale Leitspruch der Astrologie. Er bedeutet, dass sich die Eigenheiten des Makrokosmos im Mikrokosmos, also im menschlichen Alltag, widerspiegeln. Der Begriff Horoskop kommt von den griechischen Worten "hora" (Stunde) und "skopein" (schauen).

Astrologen gucken also nicht in den Himmel, wenn sie ein Horoskop stellen, sie "sehen die Stunde". Und alles, was sie dafür brauchen, sind Geburtsdatum und -ort eines Menschen sowie seine Geburtszeit. Minutengenau, wenn es geht. Mit diesen Daten berechnen sie, in welchem Verhältnis Sterne, Mond und Planeten zueinander standen, als das Kind das Licht der Welt erblickte. Sie können dann sagen, in welchem der zwölf Tierkreis-Zeichen sich die Sonne in diesem Moment befunden hat, ob das Kind nun ein Skorpion, ein Widder, oder ein Löwe ist. Und für ein Jahreshoroskop, wie es die "Vogue" veröffentlicht hat, schauen sich die Astrologen zusätzlich die Sternen-Konstellationen der kommenden zwölf Monate an.

Wie das Leben sein könnte

Doch über die Aussagen, die dann zu treffen sind, herrscht selbst unter den Astrologen Uneinigkeit. Manche stellen großzügig Prognosen an, wie sie nicht nur zum Jahresanfang in vielen Zeitungen veröffentlicht werden. Andere sind da zurückhaltender, lehnen das sogar ab. "Im Horoskop steht nicht, wie das Leben ist, sondern wie es sein könnte", sagt zum Beispiel der Psychologe Markus Jehle. Der 42-Jährige leitet das Astrologie-Zentrum Berlin, ist Chefredakteur einer astrologischen Fachzeitschrift und Autor mehrerer Bücher. Jehle will keine Ereignisse voraussagen, weil er findet, dass seine Klienten dadurch entmündigt würden. "Die einzig richtige Frage an die Astrologie lautet: Wie bin ich gemeint?", sagt er. Und darauf findet Jehle Antworten wie diese: "Venus in Fische: Liebt alle Menschen, aber selten jemanden konkret. Ist verliebt in die Liebe und berauscht sich an Beziehungen. Kann mit allem verschmelzen, was schön ist."

Was aber will der Astrologe den im Zeichen der Venus Geborenen damit sagen? Alles und nichts, entgegnen Astrologie-Kritiker wie der Heidelberger Soziologe Edgar Wunder: "In jedem Horoskop ist prinzipiell jede Charaktereigenschaft enthalten." Berücksichtigt man alle Komponenten wie den Aszendenten, unterschiedliche Planeten und Monde (Erklärung siehe nebenstehendes Lexikon), gibt es fast unendlich viele Deutungsmöglichkeiten.

Edgar Wunder wirft der Astrologie vor, dass sie Aussagen verbreitet, mit denen sich allzu viele Menschen identifizieren können. Beispielsweise halten sich viele Menschen für sensibel und unangepasst. Wenn im Horoskop darüber etwas angedeutet wird, beziehen sie es auf sich und fahnden nach Beispielen aus ihrem Alltag. Hat mich mein Chef eben angeschnauzt? Na bitte, das liegt wohl daran, dass ich als tiefsinniger Skorpion-Mensch mit nonkonformistischen Ideen auffalle.

Doch was heißt eigentlich Skorpion-Mensch? Mit dem Sternbild Skorpion hat das nichts zu tun. Die Tierkreis-Zeichen, die in den Horoskopen beschrieben werden, sind des Nachts so nicht zu erkennen. Man muss sie sich als einen imaginären Kreis vorstellen, den die Sonne im Laufe des Jahres aus der Sicht der Erde durchläuft. In jedem Stern-Zeichen verweilt sie etwa einen Monat. Ihre imaginäre Bahn beginnt am 21. März im Widder. Wer in diesem Tierkreis-Zeichen geboren wird, darf unter dem Stichwort Widder in den Astrologie-Büchern etwas über seinen "ungestümen Lebenskern" lesen. Dass dem Widder ausgerechnet dieses Charakteristikum zugeordnet wird, hängt damit zusammen, dass die "Erfinder" des Horoskops die Eigenheiten der Natur auf die Menschen übertrugen, die zu dieser Zeit das Licht der Welt erblickten. Im Frühling erwachen Pflanzen und Tiere zu neuem Leben. Also muss auch der Widder-Mensch ein unbekümmerter, vorwärts drängender Zeitgenosse sein. Anders der Löwe, der im Hochsommer Geburtstag hat. Wenn sich die Sonne in diesem Tierkreis-Zeichen befindet, steht die Natur in voller Blüte. Dementsprechend werden dem Löwe-Menschen Selbstvertrauen, Eitelkeit und ein sonniges Gemüt zugeordnet.

Als die Astrologie entstand, lagen solche Überlegungen durchaus nahe. Nach Angaben des Soziologen Wunder sind ihre historischen Wurzeln schon vor 3700 Jahren zu finden. In Babylonien, am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris, erlebte sie ihre erste Hoch-Zeit. Die Babylonier glaubten, dass man aus den Sternen den Willen der Götter ablesen könnte. Die Griechen, die die Astrologie dann weiterentwickelten, zweifelten allerdings zunehmend an der göttlichen Botschaft der Gestirne. Sie fanden heraus, dass die Bewegung der Himmelskörper berechenbar ist.

Es gab römische Kaiser, die auf Astrologen vertrauten und andere, die ihnen mit der Todesstrafe drohten. Ebenso widersprüchlich ist das Verhältnis zur christlichen Kirche. Während sich viele Geistliche durch die Astrologie als einer Art Ersatzreligion bedroht sahen, richtete Papst Leo X. im Jahr 1520 an der päpstlichen Universität einen Lehrstuhl für Astrologie ein.

Bis heute glauben namhafte Politiker und Künstler an die Astrologie. Ihr Einfluss reichte in den letzten Jahren bis in den Kreml und ins Weiße Haus. Verbürgt ist, dass sich der Feldherr Wallenstein und diverse russische Zaren auf ihre Sternendeuter verließen. Nancy Reagan soll für astrologischen Rat empfänglich gewesen sein, ebenso der frühere französische Staatspräsident François Mitterand.

Dieser Rat sieht auf den ersten Blick aus wie eine Rechenaufgabe mit allerlei Winkelbeziehungen, im Bild am Beispiel des Horoskops der Sängerin Madonna angedeutet. Für den abendländischen Sternendeuter ist nicht nur interessant, in welchem Tierkreis-Zeichen die Sonne stand, als der Mensch geboren wurde. Auch der so genannte Aszendent soll etwas aussagen - und zwar über die Art, wie jemand instinktiv an eine Sache herangeht. Der Aszendent ist der Punkt des Tierkreis-Zeichens, der im Osten über dem Horizont erscheint, wenn das Kind zur Welt kommt. Astrologen ordnen die Tierkreis-Zeichen außerdem den vier Elementen zu. Danach gehört etwa der Widder zu den Feuer-Zeichen und gilt als spontan und sprunghaft. Die zugeschriebene Bedeutung erinnert an die Beschreibung einer lodernden Flamme. Anders der Stier, der zählt zu den Erd-Zeichen und gilt folglich als verlässlich, praktisch - kurz: bodenständig.

Manche Kritiker halten der Astrologie vor, dass die Tierkreis-Zeichen mit den Sternbildern kaum etwas gemein haben. Doch dieser Widerspruch kann rasch erklärt werden. "Das Sternbild Fische fällt heute in das Tierkreis-Zeichen Widder", sagt Edgar Wunder und erläutert gleich, was es damit auf sich hat. Als vor 2000 Jahren das System der heutigen Astrologie entwickelt wurde, befanden sich Sternbild und Tierkreis-Zeichen tatsächlich etwa an der selben Stelle. Doch die damaligen Sternengucker stellten fest, dass sich die Sonne nicht in jedem Jahr zur gleichen Zeit den gleichen Platz einnimmt. Das hängt mit einem Phänomen zusammen, das heute Präzession genannt wird. Die Position der Erdachse im Raum verändert sich laufend - und mit ihr unser gesamtes Koordinatensystem. Wie ein Kinderkreisel taumelt die Erde einmal in 26000 Jahren um sich selbst. "Das erste Tierkreis-Zeichen fängt dort an, wo sich die Sonne jedes Jahr zu Frühlingsbeginn befindet", sagt Edgar Wunder. Von dort aus "wandert" sie durch die zwölf Tierkreis-Zeichen. Natürlich wissen wir heute, dass es die Erde ist, die um die Sonne und um sich selbst rotiert.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Büchern, mit denen man sein Horoskop selbst erstellen kann. Doch glaubt man Markus Jehle, ist das für einen Laien zu schwierig. Zu der astrologischen Beratung, die er anbietet, gehört auch ein längeres Gespräch. Es dauert zwei Stunden und kostet 250 Mark. Im Unterschied zur Psychotherapie findet es allerdings meist nur einmal statt.

Eifersüchtige Löwen sind anders

Der Astrologe Jehle hat trotzdem den Anspruch, seinen Klienten eine Diagnose zu stellen. "Mein Ansatz geht dahin, Menschen zu befähigen, über ihr Leben selbst zu entscheiden", versichert er. Sie sollen die Motive für ihr Handeln begreifen. Wenn zwei Tierkreis-Zeichen dieselbe Charaktereigenschaft zugeschrieben wird, habe das unterschiedliche Hintergründe. Ein eifersüchtiger Löwe-Mensch denkt sich: "Du sollst keinen anderen König neben mir auf den Thron stellen!" Ein eifersüchtiger Skorpion hingegen fragt sich: "Wie kannst Du Dich meinem seelischen Einfluss entziehen?"

Skeptiker werden einwenden, dass auch diese Beschreibungen wenig handfest klingen. Ohnehin sind viele Horoskope allzu schmeichelhaft - damit sich die Leser damit identifizieren wollen. Man nehme nur einmal eingangs beschriebenes Horoskop aus der "Vogue": Welcher Skorpion will denn nicht geistreich sein, geheimnisvoll und sehr sexy. Was aber war mit den Menschen, die im vergangenen Jahr neu in meinen Gesichtskreis treten, gar bis ins Badezimmer vordringen sollten? Nun, wenn ich mich recht erinnere, ist da schon einmal der eine oder andere Gast aufs Klo gegangen. Sehen Sie, stimmt also doch.

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