Welt : Atom-U-Boot in Not: Unser Anteil am Inferno

Hellmuth Karasek

Gegen Schreckensmeldungen sind wir - eine Notmaßnahme unserer psychischen Apparatur - abgehärtet, wie imprägniert mit einer das Mitgefühl abweisenden Schutzhaut. Wie könnten wir es auch sonst auf einer weltweit vernetzten Erde aushalten, die ihre Kunde über das, was stündlich passiert, wie ein ständiges Bombardement auf uns loslässt? Wir sind eine Informations-Gesellschaft - und das hat nicht nur einen befreienden, sondern auch einen niederdrückenden Aspekt.

Manchmal allerdings übersteigen Meldungen von Katastrophen unsere Fähigkeit, sie abzuwehren. Dann sind wir ihnen ausgeliefert wie unseren schrecklichsten Albträumen. Die "Havarie", um das euphemistische Wort aufzugreifen, der "Kursk", eines russischen Atom-U-Boots der modernsten Klasse (es wurde 1994 in Dienst genommen), ist ein solcher, wie mit Krallen in unser Innerstes greifender Vorfall: der Einfall einer Urangst in unser Unterbewusstes, einer Urangst, die atavistisch, vorsintflutlich ist und doch gleichzeitig das Signum einer hochmodernen Apokalypse in uns drückt.

Da sind mehr als hundert Menschen von einer Sekunde auf die andere aus einer komfortablen, voll klimatisierten, hoch technisierten Apparatewelt in einen finsteren klaustrophobischen Wachtraum gestürzt: in eine Mondlandschaft des Schreckens und der Hilflosigkeit.

Mit wachsendem Entsetzen, das selbst die Teilnahme lähmt, lesen und hören wir, wie es Nacht wird in dem engen, auf hundert Meter gesunkenen Boot, wie es bestenfalls noch das fahle, verflackernde Licht von Notaggregaten gibt, das von Augenblick zu Augenblick total zu erlöschen droht. Wir nehmen wahr, wie dort unten die Luft zum Atmen in jedem Moment dünner wird, wir malen uns die Panik der Atemnot aus, und wir erfahren auch, wie die arktische Kälte des Meeres, das zu allem Überfluss des Schreckens auch noch wild bewegt und sturmgepeitscht ist, mehr und mehr durch die Metallwände des am Grund festsitzenden Bootes dringt.

Es ist ein Katastrophenfilm, dessen "special effects" wir aus dem Katastrophenkino Hollywoods zu kennen meinen und die doch eine andere Dimension, eine schaurige Dimension haben, weil es nicht hilft, dass wir uns kneifen und sagen: Wach auf! Es ist nur ein Film, nur ein Traum! Denn das ist es nicht, obwohl wir, im Trockenen und Warmen, es nur wie einen Traum erleben, wie einen Film, den wir schon oft gesehen, an dem wir uns schon oft abreagiert haben.

Man schildert uns (die menschliche Wissenschaft kennt sich inzwischen aus in der Kraterlandschaft der Psyche), welche Phasen des Schreckens die Eingeschlossenen erleben, von denen, während dieser Artikel geschrieben wurde, keine Klopfzeichen mehr zu hören waren. Man malt uns die Anfälle von Raserei aus, die als sinnlos gewalttätige Ausbruchsversuche gegen die stählernen Wände toben, sich auch in aggressiven Akten gegen die anderen entladen mögen, vielleicht mit Waffengewalt - eine letzte Meuterei gegen den unausweichlich scheinenden Tod, der Luft, Leben, Wärme wegdrückt. Oder man entwirft uns die Zustände des lethargischen Verdämmerns. Und in solchen Augenblicken drückt uns das Gefühl, dass wir uns die verschiedenen Kammern der Hölle auf Erden selbst geschaffen haben.

Noch scheint Rettung möglich. Aber die Hoffnung ist schwach, fast unsinnig. Wir wissen: Der Unfall der "Kursk" ist die Folge eines hybriden weltweiten Wahnsystems, der gegenseitigen atomaren Abschreckung der Großmächte, die Raketen-U-Boote wie stählerne Haie heimtückisch und misstrauisch durch die Meere tauchen lässt. Wir ahnen, dass dieses Verfolgungswahn- und Machtrausch-System - vielleicht?, wahrscheinlich? - die Welt vor der letzten Apokalypse, der atomaren Katastrophe, bewahrt hat, indem sie sie, als Gleichgewicht des Schreckens, dauernd androhte. Wir wissen auch, dass die Havarie wahrscheinlich die Folge davon ist, dass sich das ausgepowerte, ausgebeutete, ausgeblutete sowjetische Restreich dieses Gleichgewicht nicht mehr leisten kann - und sich doch leistet.

Aber das alles bedeutet im Augenblick nichts. Auf die Eingeschlossenen richtet sich ausschließlich unser Mitleid. Und es ist nicht tröstlich, aber wahr: Das Ausmaß der Katastrophe lässt nur ein Gefühl zu, das der menschlichen Solidarität.

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