Welt : Auch die Helfer brauchen Hilfe

ESCHEDE (dpa/rtr).Siegfried Gleißner, Oberpfarrer im Bundesgrenzschutz, hatte gerade einen Kondolenzbesuch in Brunsbüttel an der Elbe abgestattet, als er im Autoradio die Nachricht von der Eisenbahnkatastrophe in Eschede hörte."Da bin ich gleich weitergefahren.Mir war klar, daß auch die Helfer angesichts von so viel Elend Hilfe brauchten", sagt der 61jährige.Zur gleichen Zeit brechen in Celle die Pastoren einer ökumenischen Pfarrkonferenz auf zum Unglücksort - unter ihnen mehrere ausgebildete Notfallseelsorger in Diensten der evangelischen Landeskirche.Sie sind auch am Donnerstag, 24 Stunden nach dem Entgleisen des ICE 884, für Retter und immer noch wartende Angehörige da.

"Gerade jungen Feuerwehrleuten und Rot-Kreuz-Helfern haben wir mit unserer Anwesenheit zeigen können, daß inmitten des Chaos ein Mensch ist, der die Kraft hat, ein bißchen Stabilität zu vermitteln", sagt Superintendent Dirk Hölterhoff.Ein spontanes Gebet mit der "Bitte um Gottes Kraft und Hilfe in dieser verzweifelten Lage" vor den überall herumliegenden Überresten menschlicher Körper, das hat die Retter manches Mal innehalten lassen können in dem Bemühen, alle Gefühle von Entsetzen, Trauer und Ohnmacht zu unterdrücken, damit die Bergungsarbeiten perfekt ablaufen konnten."Ich habe einen jungen Polizisten einfach nur in den Arm genommen, als er seine Tränen nicht zurückhalten konnte", sagt Diakon Helmut Sdrojek.

Der 46 Jahre alte Geistliche aus dem benachbarten Unterlüß hat inmitten des zertrümmerten Zuges zuerst die Feuerwehrleute aus seinem Dorf gesucht.Er hat nicht nur "blindlings mit angepackt", sondern in seiner roten Rettungsweste mit der Aufschrift "Notfallseelsorger" dagestanden und auch mit Zuspruch und Trost reagiert, wenn einer "nicht mehr konnte".Viele aber tun ihre schwere Arbeit schweigend, weil sie sonst von ihren Gefühlen übermannt würden: "Einem Retter ging es so, als er nur einen halben Menschen aus dem Blech bergen konnte und die andere Hälfte der Leiche vorerst in den Trümmern bleiben mußte", berichtet der Diakon."Der drehte sich einfach nur um und ging - fix und fertig".

"Es kommen immer mehr Angehörige" - Pastor Christoph Künkel ist am Donnerstag morgen schon wieder am Ort der Katastrophe.14 Stunden lang war er bis in die Nacht als Seelsorger im Einsatz, spendete Verletzten und Helfern Trost.



"Solange die im Einsatz sind, geht das noch", weiß ein älterer Feuerwehrmann."Aber wenn man zur Ruhe kommt, dann wird es schlimmer." Manche sind mitten im Trümmerfeld zusammengebrochen.

Nach einem furchtbaren Ereignis wie der Zugkatastrophe von Eschede bekommen viele Menschen die Bilder nicht aus ihrem Kopf."Sie haben ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, das außerhalb ihrer Vorstellungswelt plötzlich über sie hereingebrochen ist", erläutert Psychologin Brigitte Schröder, Leiterin der Christoph Dornier-Stiftung in Braunschweig.Das der Technischen Universität (TU) angegliederte Institut forscht und therapiert in klinischer Psychologie mit Schwerpunkt Angststörungen.

Oft leiden die Betroffenen zusätzlich unter körperlichen Symptomen wie Zittern, Schlaflosigkeit und Unruhe.Auf keinen Fall dürften die grauenvollen Bilder verdrängt werden."Freunde und Verwandte sollten nicht zu früh trösten, sondern sich die Schilderungen anhören", rät die Psychologin.Ablenken sei kein gutes Rezept.Wer kein gesprächsbereites Umfeld hat, sollte unbedingt die angebotene professionelle psychologische Betreuung in Anspruch nehmen.

Der Wunsch, über das Geschehene immer wieder zu reden, wechsele oft mit dem Bedürfnis, zu schweigen.All diese Reaktionen dienten in der ersten Phase, der akuten Belastungsreaktion, zur Verarbeitung des Erlebten."Das kostet Kraft", erläutert die Psychologin.Mit der Zeit würden diese Symptome bei den meisten vergehen.

"Bei anderen kann es jedoch zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen." Diese Menschen fühlen sich oft nach der ersten Phase wieder wohl.Dann leiden sie plötzlich unter körperlichen Reaktionen wie Konzentrationsschwäche, Schwächeanfällen und Schlaflosigkeit, die sie anfangs gar nicht mit dem Erlebten in Verbindung bringen.Besonders schwer leiden Menschen mit sogenannten "Flashbacks": "Plötzlich tauchen die Bilder wieder auf.Und zwar so intensiv, daß das Gefühl so ist, als ob alles noch einmal passiert." Diese Menschen benötigten auf jeden Fall professionelle Hilfe.

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