Welt : Auch ein Pleitegeier kann hoch fliegen

Bremen ist immer für eine schlechte Nachricht gut – warum hat die Stadt trotzdem eine positive Ausstrahlung?

Christoph Köster[Bremen]

Auch am 26. September wird die Bremer Welt nicht untergehen. An diesem Tag ist bloß Schluss. Schluss mit dem „Star Trek Borg Encounter“, Schluss mit dem „Galaxie Express“, Schluss mit all den anderen Sensationen im „Space Park“.

Nur sieben Monate nach Eröffnung machen der Bremer Senat und die Dresdner Bank als Eigentümer den aus dem Boden einer Werftbrache gestampften Freizeitpark wieder zu. Bremen ist um eine spektakuläre Pleite reicher.

Auf den ersten Blick passt dieser Flop in die lange Reihe Bremer Negativposten. Pro-Kopf-Verschuldung, Pisa-Bildungstest, Arbeitslosigkeit oder Anzahl der Firmeninsolvenzen pro Einwohner: Fast immer belegen die Bremer im Vergleich der Bundesländer einen der letzten Plätze oder sind gar Schlusslicht. Und zu allem Überfluss fällt dem Deutschen Meister im Fußball beim Bundesliga-Saisonauftakt im Weser-Stadion auch noch der Strom aus. So müsste der Bremer eigentlich mit tief gesenktem Kopf durch marode Straßen seiner alten Hansestadt laufen.

Allein, der Bremer geht aufrecht durch seine Stadt, aufrechter denn je. Ausgerechnet Bremen fällt in letzter Zeit durch eine positive Ausstrahlung auf. Vielleicht liegt es an der Unbekümmertheit der Bremer. Wer dauernd einen hinteren Platz belegt, kann ja zur Abwechslung mal den ersten Platz anstreben.

Im Fußball hat das schon geklappt. Wer weiß, was noch kommt. In Bremen wird gebaut und viel umgestaltet. Wo noch vor zehn Jahren Schrotthändler und Kleingärtner werkelten, entsteht um den Flughafen herum ein völlig neuer Stadtteil. Die einst als „rote Kaderschmiede“ verschriene Universität ist nun das Herz eines Gewerbegebiets mit forschungs- und technologieorientierten Firmen.

Als vor einem Jahrzehnt der Vulkan-Konzern zusammenbrach, stellte Bremen das Stadtmarketing vollständig ein. „Wir hatten keine Chance gegen die Negativschlagzeilen“, sagt der Chef der Bremen Marketing-GmbH, Klaus Sondergeld. Jetzt wird der für den „Space Park“ reservierte Platz in den Werbebroschüren einfach mit anderen Attraktionen gefüllt.

Verkörpert wird die Veränderung durch einen Mann: Henning Scherf. Er misst 2,03 Meter, ist notorisch gut gelaunt und umarmt jeden, der ihm über den Weg läuft. Wirklich jeden. Auch Fremde. Wenn er mit dem Rad zur Arbeit fährt und ihn jemand anschaut, steigt er vom Rad, umarmt den Passanten und wechselt ein paar Worte. Er regiert das kleinste Bundesland seit 1995 an der Spitze einer großen Koalition. Er ist der einzige Sozialdemokrat, der bei Landtagswahlen heutzutage noch gewinnt. Aus dem Segelurlaub im Eismeer verkündete der fast 66-Jährige kürzlich, auf seinen eigentlich angekündigten Rückzug aus der Politik zu verzichten.

Bremen gehört nach Berechnungen der EU zu den reichsten Regionen des Kontinents. Im komplizierten deutschen Steuersystem mutiert das 660000-Einwohner-Bundesland gleichzeitig zum Armenhaus der Republik. Privater Reichtum, öffentliche Armut: Aus diesem Widerspruch wollte Scherfs große Koalition Bremen mit einem Sanierungsprogramm und mit fremdem Geld herausführen, das vor dem Bundesverfassungsgericht erstritten worden war. Saniert ist der Landeshaushalt noch immer nicht. Stattdessen trägt das Programm auf unerwarteten Feldern Früchte. Eher unbemerkt hat sich Bremen nicht nur im Fußball in Spitzenpositionen geschlichen. Mit dem doppelten Titelgewinn Meister und Pokalsieger entfachte Werder Bremen eine in der Stadt bis dahin unbekannte Euphorie. Das in der Nähe der Universität gebaute Science Center „Universum“ wurde buchstäblich über Nacht zum erfolgreichsten Wissenschaftsmuseum in Deutschland. Das „Universum“ selbst und mehrere Universitätsinstitute haben so rechtzeitig auf die Themen Populärwissenschaft und Wissensvermittlung gesetzt, dass sich Bremen im erstmals ausgelobten Wettbewerb „Stadt der Wissenschaften“ gegen traditionelle Uni-Standorte durchsetzen konnte und im kommenden Jahr den Titel „City of Science“ trägt. Seit Anfang Juli gehören das Rathaus und der Bremer Roland auf dem Marktplatz zum Unesco-Weltkulturerbe der Menschheit. Eigentlich hatten SPD und CDU den Strukturwandel mit viel Beton, mit Einkaufszentren und zusammengekauften Unterhaltungsprodukten schaffen wollen. Doch auch der Versuch, ein kommerzielles Musicaltheater anzusiedeln, missglückte. Stattdessen hat Bremen mit eher weichen Faktoren die Nase vorn. So brachte zum Beispiel die Kunsthalle mit einer Van-Gogh-Ausstellung die nach der Kasseler Dokumenta in Deutschland erfolgreichste Kunstschau des Jahres 2002 zustande. Und Bremen hat – ganz im Gegensatz zum Trend im Rest der Republik – gerade erst ein freies Theaterhaus gebaut: In der Schwankhalle werden seit einem Jahr Freie Ensembles mit bundesweiten und internationalen Koproduktionen gefördert, die das Haus in Eigenregie betreiben. Stadttheater-Intendant Klaus Pierwoß konnte den Auslastungszahlen seiner Häuser über Jahre immer neue Höhenflüge bescheren, unter anderem mit bundesweit beachteten Musicals des Ex-Intendanten des Berliner „Theater des Westens“, Helmut Baumann.

Das machte in der Stadt so viel Eindruck, dass das Bremer Parlament einstimmig die Idee der winzigen Opposition, der Grünen, aufnahm, sich um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2010“ zu bewerben.

Arme Stadt. Reiche Stadt. Kulturhauptstadt? Die Bewerbung brachte Theaterintendant Pierwoß mit einer Gruppe Schauspieler auf einer alten Hansekogge nach Berlin. Die segelte wochenlang durch Seen und Kanäle von Bremen durch mehrere Bundesländer in die Hauptstadt. Unterwegs wurden die Bremer mit ihrer wundersamen Kogge an jedem Dorf angehalten und mussten mit Bürgermeistern und Bürgern Bier trinken und essen.

Gerade hat das 3-sat-Magazin „Kulturzeit“ die zehn deutschen Bewerberstädte getestet und Bremen neben Görlitz Bestnoten gegeben. „In Bremen“, urteilten die Kultur-Prüfer, „hat ein spartenübergreifender und zukunftsorientierter Prozess begonnen und ist nicht mehr aufzuhalten.“ Wahrscheinlich wird die Kunsthalle mit ihrem Direktor, dem früheren Hamburger-Bahnhof-Chef Wulf Herzogenrath, am Ende mit einem Anbau belohnt. Noch eine spektakuläre Pleite? Das ist in diesem Fall so gut wie ausgeschlossen.

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