Welt : Auch Saudis lieben Billy-Regale

Andrea Nüsse

Nawar Abu-Aisha schlendert zu der weißen Schrankwand, Model Pax/Jörgen. Der Bankangestellte trägt das in Saudi-Arabien typische bodenlange weiße Gewand, Thaub gennant, auf dem Kopf ein rotkariertes Tuch, das von einem schwarzen Ring gehalten wird. In der Hand hält der 35jährige die gelbe Ikea-Plastiktasche mit dem blauen Riemen. Nawar Abu-Aisha ist beeindruckt, wie viele Thaubs in den Schrank passen. Dennoch wird der frisch verheiratete Mann wohl doch eher eine traditionelle saudische Schlafzimmereinrichtung kaufen, die orientalisch verziert und etwas bombastischer daherkommt. "Aber für unser Familienwohnzimmer denke ich an eine Ängby-Sitzecke von Ikea", erzählt der Mann aus Dammam im Osten Saudi-Arabiens.

Einen Geschäftsbesuch in Riadh nutzt er für einen Abstecher zu Ikea, das es in Saudi-Arabien bisher in der Hauptstadt und in Jeddah gibt. "Ich habe schon mehrere Tische von Ikea", berichtet er. Ob er die selbst zusammengebaut habe? "Natürlich, das ist doch ganz leicht." Damit ist Nawar Abu-Aisha dann doch eine Ausnahme. Den meisten saudischen Kunden des schwedischen Möbelhauses ist die Grundidee, dass man seine Möbel selbst aufbauen muss, fremd. In einem Land, in dem ausländische Arbeitskraft billig und manuelle Arbeit noch immer verpönt ist, löst dieses Konzept oft zunächst Stirnrunzeln aus, berichtet der Möbel-Manager des Geschäftes, Ashar Aziz aus Pakistan.

Viele Kunden bestehen zunächst darauf, das ausgestellte und aufgebaute Möbelstück mitzunehmen statt einer Kiste aus dem Lager. Doch das verhindert nicht, dass Saudi-Arabien weltweit einer der besten Märkte für Ikea ist, das hier allerdings nur im "franchise"-Verfahren vertrieben wird. Im Gegenteil: "Wir verdienen hier viel an unserem Liefer- und Aufbau-Service, der in anderen Ländern weniger in Anspruch genommen wird" erzählt Ashraf Aziz, der seit der Eröffnung des Geschäftes vor acht Jahren dabei ist. Am Wochenende kommen Saudis bis aus dem vier Autostunden entfernten Al Khobar angereist, um bei Ikea einzukaufen. Wöchentlich liefern zwei Lastwagen Möbel in die Stadt im Osten des Landes.

Die Erfolgsstory von Ikea in Saudi-Arabien begann vor 15 Jahren mit dem ersten Geschäft in Jeddah, 1993 folgte eine Filiale in Riad. Auf 8000 Quadratmetern wird etwa die Hälfte der insgesamt 8000 Ikea-Artikel angeboten. Doch der Bau des typischen blauen Ikea-Gebäudes mit 25 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist geplant. Der schlichte Stil der Ikea-Möbel war gewöhnungsbedürftig in einem Land, in dem die Wohnzimmer überquellen mit verschnörkelten Sesseln, verzierten Truhen und gemusterten Vorhängen mit Goldkordeln. Es habe ungefähr fünf Jahre gedauert, bis das Geschäft richtig angelaufen sei, erinnert sich Ashraf Aziz. Am besten verkaufen sich Schlafzimmereinrichtungen, ein richtiger Hit seien die Möbel für Fernseh- und Videogeräte, Stoffe und Bilderrahmen. Auch der weltweite Ikea-Hit, das Billy-Regal, verkauft sich gut.

Dennoch vergisst man auch bei einem Besuch bei Ikea in Riad nie, dass man sich in Saudi-Arabien befindet. Will man das Geschäft gegen 15.30 Uhr betreten, wird die Eingangstür gerade verschlossen. Wegen des Nachmittagsgebets. Dann muss man eine halbe Stunde warten, bis wieder geöffnet wird. Neben dem Kinderparadies mit den bunten Plastikbällen sind Gebetsräume für Frauen und Männer eingerichtet. Im Ikea-Restaurant gibt es statt der Rinder-Klopse Lamm-Kofta und in einer Familienabteilung sind Separees mit weißen Leinenvorhängen abgetrennt, so dass Frauen nicht mit fremden Männern zusammen in einem Raum sitzen. Auch wenn die Kundschaft größtenteils der Mittelschicht angehört, kann es schon einmal vorkommen, dass ein Prinz das Haus betritt. "Dem gefällt dann eine Wohnlandschaft und er bestellt die komplette Anlage mit Möbeln, Lampen, Vorhängen und Blumenvasen", berichtet der Holländer Chris Cloo, der für die Innendekoration des Ladens zuständig ist. "Und dies gleich in zehnfacher Ausführung."

Bei der Dekoration und im Ikea-Katalog, der auf Englisch und Arabisch vorliegt, wird auf die religiösen Regeln des Landes, das die beiden heiligsten Stätten des Islam beherbergt, Rücksicht genommen. So fehlt im Katalog der Teil, in dem Singles in ihrer Einzimmerwohnung zu sehen sind. Oder die glückliche Familie, die sich auf dem Kipplan-Sofa räkelt. Bilder von Menschen sind von den religiösen Autoritäten geächtet. "In Schweden werden jetzt immer zwei Fotos von den Zimmereinrichtungen gemacht: einmal mit Menschen und einmal ohne", erzählt der Designer Chris Cloo. Auch bei seinen Dekorationen achtet er darauf, dass keine Bilder von Menschen zu sehen sind. Dennoch hat kürzlich ein Religionswächter eine Postkarte in einem Rahmen entdeckt, die ein Segelboot zeigt, auf dem ein Mann mit nacktem Oberkörper zu erkennen war. Das Bild mußte entfernt werden.

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