Welt : Auf Augenhöhe

Die Primatenforscherin Jane Goodall hat als Erste Schimpansen als Teil einer Gruppe beobachtet

Dagmar Dehmer

Berlin - Nach 30 Jahren unter Affen kehrte Jane Goodall Anfang der 90er Jahre in die Zivilisation zurück. Seither kämpft sie auf Konferenzen, in Zoologischen Gärten und an Schulen für das Überleben ihrer geliebten Schimpansen. Am Montag tritt die inzwischen 71-jährige britische Primatenforscherin auf einem Kongress in Berlin auf, bei dem es um Alternativen zu Tierversuchen geht.

Mit den Versuchen an Schimpansen in der Medikamentenforschung rechtfertigte die frühere Sekretärin und Kellnerin Anfang der 60er Jahre auch ihre „teilnehmende Beobachtung“ der Schimpansen am Tanganjika-See in Tansania. „Wenn wir die Wirkung von Arzneimitteln an Schimpansen testen, weil sie uns biologisch so ähnlich sind, ist es dann nicht logisch anzunehmen, dass es zumindest in den fundamentalen Gefühlen, Launen der beiden Arten Ähnlichkeiten gibt?“, fragte sie ihre Kritiker aus dem wissenschaftlichen Establishment. Erst 1965 promovierte sie an der Universität in Cambridge über ihre revolutionären neuen Erkenntnisse, die sie so ganz unwissenschaftlich erworben hatte. Sie hatte beispielsweise herausgefunden, dass Schimpansen Zweige als Werkzeuge benutzen, um Termiten aus ihren Hügeln zu ziehen – und dass sie auch Fleisch fressen.

Jane Goodall wusste früh, dass sie nach Afrika und mit Tieren leben wollte. Als kleines Mädchen las sie die Abenteuer Tarzans und ärgerte sich sehr, dass nicht sie seine Jane war. Schließlich war sie viel neugieriger und couragierter als die literarische Figur. Doch zunächst landete sie als Sekretärin erst an der Universität in Oxford und dann bei einer Dokumentarfilmfirma in London. Als eine Freundin sie auf die Farm ihrer Eltern in Kenia einlud, erarbeitete sie sich das Geld für die Überfahrt nach Mombasa auf dem Schiff als Bedienung in einem Restaurant. Goodall kehrte zunächst nicht nach England zurück. Sie nahm all ihren Mut zusammen und rief den Anthropologen und Paläontologen Louis S. Leaky im Nationalmuseum in Nairobi an. Goodall machte auf ihn offenbar ordentlich Eindruck, denn er stellte sie sofort als Assistentin ein. 1960 schickte er Goodall als erste von drei Frauen in den Busch.

Die 26jährige ging mit ihrer Mutter nach Tansania, um die nächsten 30 Jahre die dort lebenden Schimpansen zu beobachten. Leaky, der als Erster die Theorie vertrat, dass die Wiege der Menschheit nicht in Asien, sondern in Afrika stand – wofür er später auch Beweise fand –, erhoffte sich von der Primatenforschung Goodalls Aufschlüsse über mögliche Lebensweisen der Urmenschen. Er schickte nach Goodall auch Dian Fossey in den afrikanischen Urwald, die sich ähnlich wie Goodall den dortigen Berggorillas annäherte. Fossey wurde 1985 von Wilderern in ihrem Gorilla-Camp erschossen. Als jüngste zog die Kanadierin Biruté Galdikas in den Regenwald Borneos, um dort die Orang Utans zu erforschen. Allen drei Primatenforscherinnen verdankt die Welt ganz neue Einblicke in die Lebensweise der Menschenaffen.

Aus der Tragödie der Dian Fossey zog Goodall den Schluss, dass sie bei den Menschen für die Schimpansen werben musste. Schon früh begann sie Projekte auf die Beine zu stellen, die den Menschen rund um die Lebensräume der Schimpansen neue Verdienstmöglichkeiten eröffneten. Sie habe Fossey immer gefragt: „Warum gibst du den Wilderern keine Jobs?“ Offenbar hatte ihr Konzept Erfolg. Allerdings nicht genug, um die Lebensräume der Schimpansen zu erhalten.

Als Goodall ihre Beobachtungen begann, war das Ufer des Tanganjika-Sees noch dicht bewaldet – heute gibt es dort nur noch Baumstümpfe. Bei jedem Regen wird mehr Erde in den See gewaschen, wo sie die Kinderstube der Fische überschwemmt. Die Zahl der Schimpansen ist dramatisch zurückgegangen.

Seit einigen Jahren zieht die Wissenschaftlerin als UN-Friedensbotschafterin um die Welt – immer auf der Suche nach Geld für ihre Projekte und nach Unterstützung für die Erhaltung der Lebensräume der Menschenaffen. Goodall setzt sich aber nicht nur für das Überleben der Schimpansen im Busch ein: Sie kämpft auch für bessere Lebensbedingungen der Tiere in den Zoologischen Gärten.

Außerdem bemüht sie sich seit Jahren darum, Kinder für die Natur zu begeistern. Nachdem sie in Tansania ihre erste „Roots & Shoots“-Gruppe gegründet hatte, die sich um verlassene Schimpansenkinder kümmerte, gibt es davon inzwischen 7000 weltweit.

Weitere Informationen über Jane Goodall gibt es auf ihrer Homepage: www.janegoodall.de.

Das Programm des 5. Weltkongresses für Alternativen zum Gebrauch von Tieren in den Lebenswissenschaften steht auf folgender Homepage: www.ctw-congress.de/act2005/

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