Welt : Auf dem Weg ins Nichts

100 Autos befanden sich auf der Brücke in Minneapolis – als sie einstürzte, spielten sich Szenen des Grauens ab

Rita Neubauer

Kurz nach 18 Uhr, mitten im Berufsverkehr, schieben sich Hunderte von Autos langsam Stoßstange an Stoßstange über die Autobahnbrücke. Unter ihnen fließt trüb und träge der Mississippi. Zuerst gibt es ein dumpfes Grollen. Ein Zittern. Dann erfasst ein heftiges Schütteln die 40 Jahre alte Brücke. Vor entsetzten Autofahreren bäumt sich der Straßenbelag auf, vor anderen senkt sich die Fahrbahn in die Tiefe.

Die Bilder von dem Geschehen lassen erahnen, was dann passierte. Die Fahrer bremsen, rutschen weiter, ziehen verzweifelt die Handbremse. Sie versuchen auszusteigen auf der steil abschüssigen Bahn. Andere Wagen fliegen direkt ins Wasser, als sich unter ihnen der Boden öffnet.

Die Brücke, 20 Meter über dem Wasser, ist kollabiert. Die Autobahn, die über die Brücke führte, ist die Interstate 35W. Sie ist eine der Hauptverkehrsadern zwischen Minneapolis und St.Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Mehr als 50 Autos liegen im Wasser oder am Flussufer, übereinander, untereinander, verkeilt und zerdrückt. Flammen schießen aus dem Wrack eines Sattelschleppers, Rauch füllt die Luft. Schwere Straßenschilder, Metall- und Gesteinsbrocken landen auf den zerdrückten Wagen.

Auf der Brücke kommt ein Bus voller Kinder, auf der Heimfahrt von einem Schwimmausflug, knapp am Abgrund zum Stehen, aufgefangen nur durch eine Betonbegrenzung. Ein Mann reißt die Hintertür auf und bringt die Kinder in Sicherheit. Wie durch ein Wunder können sich alle 60 unverletzt retten.

Menschen klettern blutend ans Ufer, rufen um Hilfe. Viele befreien sich selbst aus ihren Autos, helfen anderen. Selbstlose Retter bergen unter Schock stehende Opfer, zerren Frauen und Kinder aus zerstörten Autos. Die ersten Sirenen durchschneiden den Lärm. Wenig später sind sämtliche Rettungsdienste der Stadt vor Ort. Taucher suchen nach Ertrunkenen in dem drei Meter tiefen Wasser.

„Ich dachte, ich bin tot. Wirklich, ich dachte, es ist alles vorbei“, beschreibt Peter Siddon gegenüber dem „Minneapolis Star Tribune“ seine ersten Gedanken. Wie in Zeitlupe rollte das Auto des Bankers in Richtung Abgrund – und stoppt gerade noch rechtzeitig. Er kann sich unversehrt ins Freie retten.

Einen grossen Schutzengel hatte auch Catherine Yankelevich – zum zweiten Mal. Die 29-Jährige überlebte 1994 das Erdbeben im kalifornischen Northridge und war am Mittwoch ebenfalls auf der Interstate 35W. „Mein Wagen stürzte vornüber und ich sah das Wasser auf mich zukommen.“ Sie hatte Glück im Unglück. Nachdem ihr Wagen im Wasser gelandet war, zwängte sie sich rechtzeitig durch das Beifahrerfenster und schwamm ans Ufer.

Die Zahl der Toten wurde nach verschiedenen Berichten mit vier bis neun, die der Vermissten mit 20 bis 30 angegeben. Wenn 50 Autos aus 20 Metern Höhe ins Wasser fallen – müsste es dann nicht viel mehr Tote geben? Offenbar fielen die Brückenteile nicht auf einen Schlag herunter, sondern brachen und senkten sich mit einigen Sekunden Verzögerung, so dass die Autos am Ende aus einer geringeren Höhe herunterfielen. Aaron Dahlgren stürzte in seinem Wagen mit dem Beton unter ihm ins Wasser. „Ich hatte Schnitte an Armen und Beinen und wollte da nur raus“, wurde er von der „Pioneer Press“ zitiert. „Ich dachte mir, wie zur Hölle konnte das passieren?“

Am Unglückstag waren zwei Spuren der achtspurigen Fahrbahn wegen Fahrbahnerneuerungsarbeiten gesperrt. Sonst hätten sich noch mehr Autos auf der Brücke befunden.

Vor 40 Jahren war die Brücke als Wunderwerk der Brückenbaukunst gefeiert worden, da Ingenieure auf Pfeiler für die 150 Meter lange Spanne über Wasser verzichteten, um den Flussverkehr nicht zu behindern. Nach ersten Spekulationen hätte aber möglicherweise die gesamte Katastrophe verhindert werden können, hätten Behörden einem Bericht der Lokalzeitung im Jahr 2005 mehr Glauben geschenkt und Taten folgen lassen. Die „Star Tribune“ hatte damals bereits aus einer nationalen Brückendatei des US-Verkehrsministeriums zitiert. Das Ministerium hatte die Brücke als „strukturell fehlerhaft“ eingestuft und nahe gelegt, sie durch einen Neubau zu ersetzen. Eine Sprecherin des Ministeriums beschwichtigte damals, dass die Behörde die Daten durchaus kenne, aber auch andere Brücken seien derart schlecht bewertet worden. Nach dem Zeitungsbericht erhielt der Oberbau der Brücke auf einer Skala von null bis neun, wobei null das schlechteste Ergebnis ist, die Note vier, die Fahrbahn die Note fünf und der Unterbau noch die beste Note mit einer Sechs. Gouverneur Pawlenty dagegen betonte, dass die Brücke erst 2005 und 2006 überprüft worden sei und nur ein paar geringfügige Schäden, jedoch keine grundlegenden Mängel festgestellt wurden.

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