Welt : Auf der Abschussliste

Vor 170 Jahren ist der letzte Braunbär Bayerns getötet worden. Jetzt wird wieder gejagt – Naturschützer finden das typisch deutsch

Mirko Weber[Garmisch-Partenkirchen]

Seit Tagen geht in Bayern unter der Zugspitze ein junger, männlicher Bär um. Er reißt Schafe, plündert Bienenstöcke und hat offensichtlich keine Angst vor Menschen. Gehört der Bär deshalb abgeschossen? In Bayern wird heftig gestritten.

Es ist Kunst und die Szene 170 Jahre her, aber das Bild lohnt einen genauen Blick. Heinrich Bückels Dorfmotiv „Heimbringung des letzen in Bayern am 24. Oktober 1835 bei Ruhpolding erlegten Bären“ zeigt das Ende einer Jagd: Ein schwerer Schimmel zieht einen Wagen, auf dem auch gut und gerne ein paar Bierfässer Platz hätten. Hingestreckt liegt das erlegte Tier. Die Hunde bellen noch, die Jäger im Hintergrund schultern einen weißbärtigen Kollegen, und die nicht sonderlich zahlreich angetretene Dorfgemeinde klatscht in die Hände. Genau dieses Schicksal hatte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) dem seit Tagen in der Nähe der Zugspitze auffällig gewordenen Jungbären ersparen wollen. Schnappaufs Behörde, schien es, bastelte an einer Art Willkommens-Party: Der Bär zu Gast bei Freunden.

Dann aber meldeten sich schwer geschädigte Bienenzüchter zuerst aus Häselgehr, dann aus Martinau, schließlich Vogel- und Schafzüchter aus dem Graswangtal, aus Grainau und aus Farchant bei Garmisch-Partenkirchen. In der Nähe von Reutte, unweit der Zugspitze, wurde ein erstes, unscharfes Foto des Vandalen angefertigt. Seitdem können sich die Experten immerhin darauf einigen, dass es sich um einen jungen, allenfalls dreijährigen Braunbären handeln muss, der nicht nur über besonders rohe Kräfte verfügt, sondern auch einige Verhaltensweisen offenbart, die nicht gerade als bärentypisch gelten. Herzen und Lebern von Schafen zu fressen, den Rest der Kadaver aber achtlos liegen zu lassen, wie geschehen auf dem Anwesen von Anton Wohl, ist ungewöhnlich. Noch seltsamer ist, dass der Bär sich gar nicht scheut, in die Nähe von Menschen zu geraten, obwohl er wohl eigentlich eine Bärin und ein festes Revier sucht, wie Naturschützer sagen. Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz, Hubert Weinzierl, hält es deswegen auch für „typisch deutsch“, dass Werner Schnappauf auf geradezu hysterische Art („Der Bär ist außer Rand und Band“) umgeschwenkt ist und das Tier zum Abschuss freigegeben hat. Schnappauf wiederum beruft sich auf die Sachverständigen des World Wide Fund for Nature (WWF) aus Österreich, wo es wieder bis zu 30 Bären in freier Wildbahn geben soll. Im Falle des „bayerischen Bären“ jedoch stufen selbst die Leute vom WWF die Gefahr für den Menschen als hoch ein, weil der Bär eben keine Scheu vor Ansiedlungen habe. Dass es möglich sei, den Bären in eine Falle zu locken, ihn zu betäuben und mit einem Peilsender auszustatten, glaubt man im Ministerium nicht mehr. Bis auf 30 Meter müsste ein erfahrener Schütze sich dem Tier nähern können, um an die Arbeit gehen zu können. Der Bär aber hat einen täglichen Aktionsradius von bis zu 30 Kilometern und zumindest bis zum Dienstagnachmittag wurde er auch nicht mehr gesichtet. Ob er jetzt von der Zugspitze her einen Schwenk macht und via Walchensee ins Alpenvorland einrückt? Richard Rundbuchner, ein Polizist aus Kochel, der Ochsen an der Benediktenwand hält, glaubt das nicht: „Der dreht wieder um, wenn er das bauliche Elend hier sieht.“

Unterdessen ist gleichwohl eine Art von Bärentourismus ausgebrochen, darunter viele Unbedarfte in leichtem Schuhwerk, denen man nicht ernsthaft wünschen möchte, dass es einen gewaltigen Knackser im Unterholz tut und auf einmal der Gesuchte vor ihnen steht. Besser ausgestattet sind zahlreiche Jäger, denen es die größte Gaudi wäre, sie schleiften 170 Jahre nach dem letzten Triumph wieder einmal ein großes Fell heim. Zu denken geben mag da die Erfahrung des ehemaligen Tölzer Eishockeytrainers Beppo Schlickenrieder. Nämlicher hatte in Kanada einmal einen Schwarzbären vor dem Gewehr, schoss, traf – und trägt sich heute noch mit Gewissensbissen. Heute würde Schlickenrieder den Bären einfach seines Weges ziehen lassen: „Der ist so ein schönes Tier“, meint er.

Der Bär hat sich jedenfalls in Bayern seit Montag nicht mehr blicken lassen. Der Sprecher des Landratsamts Garmisch-Partenkirchen vermutet, er habe sich wieder nach Österreich abgesetzt. „Wir haben die Suche eingestellt“, sagte er am Dienstagnachmittag. Nur helfen dürfte das dem Flüchtling nicht mehr. Denn auch in Österreich haben die Behörden inzwischen eine Abschusserlaubnis für den „Problembären“ erteilt.

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