Welt : Auf der Couch

Edzard Reuters Auftritt mit einer Domina

Philipp Mausshardt[Stuttgart]

Die Handschellen und die Peitsche hatte sie zu Hause gelassen. Und auch sonst sah Nicole F. (Künstlername „Arachne“ – griech.: Die Spinne) eher aus, als wolle sie sich für die Stelle einer Bürokauffrau bewerben: Brauner Hosenanzug, schicke Schuhe, aufgestecktes blondes Haar. Dabei kann die Betreiberin eines Stuttgarter Domina-Studios auch ganz anders. Zumindest auf der Website ihres Rotlicht-Betriebes bietet die 35-jährige „Arachne“ „Behandlungen“ an, die manchem braven Bürger das Blut gefrieren lassen, manch anderem aber erst richtig in Wallung bringen: „Extremes Auspeitschen“, „Käfighaltung“, „Lustfoltern aller Art“ oder auch „Zwangsernährung“ sind nur wenige der vielen „Abrichtungs- und Erziehungsarten“ aus dem Angebot ihres SM-Studios. Angst oder auch Lustangst musste am Dienstagabend niemand vor „Arachne“ haben. Zum ersten Mal in ihrer 13-jährigen Karriere als Domina und Sexsklavin ging die gelernte Kindergärtnerin („das war mir auf die Dauer zu langweilig“) an die Öffentlichkeit – zusammen mit Ex-Mercedes-Chef Edzard Reuter. Im Stuttgarter Literaturhaus saßen Edzard und Nicole gemeinsam auf der Couch und unterhielten sich gepflegt über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen.

Zusammengeführt hatte das ungleiche Paar der Stuttgarter Journalist Josef-Otto Freudenreich, in dessen jetzt erschienenem Reportageband („Abstürze“, Klöpfer & Meyer Verlag) Nicole eine der Hauptrollen spielt. Glaubt man Freudenreichs Recherchen, so ist die Schwabenmetropole die Deutschlandzentrale in Sachen Sadomasochismus. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es auf die Einwohnerzahl bezogen so viele SM-Studios, in denen sich fast ausschließlich männliche Kunden mal in Schuhabstreifer, dann wieder in grausame Despoten verwandeln. Dem ins Literaturhaus geeilten Publikum erläuterte „Arachne“ ihre Behandlungsmethoden, als handle es sich nur um eine andere Form der Psychotherapie: „Kunden, die einen liebevoll umsorgten Krankenhausaufenthalt als Kind in guter Erinnerung haben, setzen sich gerne auf den gynäkologischen Stuhl.“ Sie habe sich vor vielen Jahren erst überlegt, Psychologie zu studieren, sich dann aber entschlossen, „mich Stück für Stück in die SM-Materie hineinzuarbeiten.“ Herausgekommen ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau: Nicole lässt inzwischen nur noch behandeln, in ihrem Studio arbeiten rund 20 Frauen, wahlweise als „Klinik-Personal“, „Latex-Ladies“ oder „Sexsklavinnen“. Die seit sieben Jahren glücklich verheiratete Chefin, so erfährt man unter anderem in Freudenreichs Buch, freut sich in nächster Zeit auf ein Kind mit ihrem Ehemann – einem ehemaligen Ingenieur bei Mercedes-Benz. Edzard Reuter („Latex-Anzüge finde ich scheußlich“) ließ sich allerdings nicht weiter ein auf ein Detailgespräch über Strecktische und Katheter, sondern begründete den erstaunten Zuhörern, warum man ihn in solcher Begleitung sehe: Reuter schrieb das Vorwort zu dem Buch mit Reportagen, die alle in der „Stuttgarter Zeitung“ in den vergangenen Jahren erschienen sind. Reuter, der sich auch im Kuratorium einer Reportageschule um den journalistischen Nachwuchs kümmert, vermisst in den Medien den „liebevollen Blick auf den Menschen, Einfühlungsvermögen aber auch gesellschaftliche Verantwortung vieler Journalisten“. So habe ihn die Reportage über einen Kriminalkommissar, der über einem unaufgeklärten Mord eines Jungen seelisch zerbrach, „besonders tief berührt“.

Je länger Nicole und Edzard plauderten, desto mehr fiel „die ungeheuerliche Anspannung und Aufregung“ von Nicole ab, die sich bislang noch nie öffentlich zu ihrem Beruf bekannt hatte. Selbst ihren Eltern habe sie erst nach Jahren „vorsichtig beigebracht“, womit sie ihr Geld verdiene. „Meine Mutter fragt sich bis heute, ob sie etwas falsch gemacht habe, doch mein Vater ist stolz auf mich.“ Am Ende schenkte sie Reuter eine kleine Plastikente mit Batteriebetrieb „für die Badewanne“. Die sei, sagt Nicole, „sehr gut für die Schultermuskulatur“.

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