Welt : Auf die Spitze getrieben

Eine drastische Kampagne gegen Benzin fressende Geländewagen schreckt die amerikanische Autoindustrie auf

Matthias B. Krause

New York. Die Kinderstimme fängt ganz harmlos an. „Das ist George", klingt es aus dem Off. Das Kind erzählt, dass George gerade Benzin für seinen Geländewagen kauft, im Marketingjargon ein „Sports Utility Vehicle“ (SUV). Schnitt. Dann sieht man einen Mann im Businessanzug: „Das ist der Chef der Ölfirma, die das Benzin verkauft, das George für sein SUV braucht.“ Zu einer Einblendung einer Landkarte, die den Irak und Saudi-Arabien zeigt, dann der Kommentar: „Dies sind die Länder, in denen der Firmenchef das Öl kauft, aus dem das Benzin für Georges SUV gemacht wird.“ Plötzlich blitzen bewaffnete, maskierte Männer in einer Wüste auf dem Bildschirm auf. Die Kinderstimme sagt: „Und dies sind die Terroristen, die Geld von diesen Ländern bekommen, jedes Mal, wenn George den Tank seines SUV auffüllt.“ Der Abspann setzt noch eins drauf: „Das Geld für Öl fördert fürchterliche Dinge. Wie viel verbraucht dein SUV?“

Diese drastische Kampagne gegen die Benzin fressenden Auto-Ungetüme, die auf dem US-amerikanischen Markt zusammen mit Pick-Ups und Minivans die Hälfte aller Privatautos ausmachen, läuft seit dem Wochenende im Fernsehen. Nicht landesweit, weil sich zahlreiche Stationen geweigert haben, den zynischen Spot zu senden, wohl aber in Metropolen wie Los Angeles, Chicago und New York. Hinter der Aktion steckt eine Gruppe, die sich „The Detroit Project“ ( www.thedetroitproject.com ) nennt. Eine von mehreren Stimmen in einer wachsenden Front von SUV-Gegnern, die mittlerweile auch von der Autoindustrie ernst genommen wird.

Die Konzernmanager fürchten die Protestler, von denen eine Gruppe namens „Earth Liberation Front“ am Neujahrstag vier Kleinlaster eines Händlers in Pennsylvania in Brand setzte, weil sich ohnehin bereits der Liebesentzug der jungen Generation andeutet. Laut jüngsten Umfragen teilen die Teenies und Twens die Vorliebe ihrer Eltern für die schweren Wagen nicht mehr.

Sollten sie tatsächlich von den SUVs auf kleine, billigere und umweltfreundlichere Fahrzeuge umschwenken, träfe das zahlreiche Autokonzerne ins Mark. Die Geländewagen, für die es zudem Steuervergünstigungen von 25 000 Dollar und mehr gibt, sind die Milchkühe der Branche. Von ihnen wurden 2002 sechs Prozent mehr umgesetzt als im Vorjahr, der Gesamtmarkt schrumpfte dagegen um zwei Prozent. Im Wall Street Journal bekennt ein Chrysler-Manager: „Unsere SUV-Kunden achten zunehmend auf den Benzinverbrauch, weil sie für ihre Autos ausgelacht werden. Vor zwei Jahren hat noch niemand über SUVs gelacht."

Aufmerksamkeit erregte bereits im Herbst das „Evangelical Environmental Network“, das große Anzeigen mit der Frage schaltete „What would Jesus drive?“ („Was würde Jesus fahren?“), um gegen den Verbrauch natürlicher Ressourcen zu protestieren. Und jetzt also das „Detroit Project“.

Angefangen hat alles mit Artikeln der landesweit bekannten Kolumnistin Arianna Huffington. Darin schalt sie die Bush-Regierung angesichts ihrer Untätigkeit in Umweltbelangen im Allgemeinen und der Benzinverschwendung durch den SUV-Unsinn im Besonderen. Halb ernst, halb im Spaß schlug sie in Anlehnung einer Washingtoner Anti-Drogen-Kampagne eine Strategie vor, die Benzinverschwender als indirekte Unterstützer des Terrorismus zu brandmarken. Und am Ende der Story dachte sie laut darüber nach, ob wohl jemand bereit wäre, für eine solche Aktion Geld zu geben. Zu ihrer Überraschung trafen wenig später die ersten Mails ein, in denen die Absender fragten, wohin sie das Geld schicken sollten.

Huffington richtete ein Spendenkonto ein und bat befreundete Filmschaffende in Hollywood, sich Gedanken über einen Spot zu machen. Das Ergebnis ist der beschriebene 30 Sekunden lange Streifen und ein zweiter Film, in dem SUV-Besitzer sich im Sinne der Kampagnenlogik selbst der Unterstützung des Terrorismus bezichtigen: „Ich habe geholfen, ein Flugzeug zu entführen.“ – „Ich habe geholfen, einen Nachtklub in die Luft zu sprengen.“ – „Ich gab Geld für ein Terroristen-Trainingscamp in einem fremden Land“ – „Ich habe unseren Feinden geholfen, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln.“ – „Ich habe geholfen, Kinder den Hass auf Amerika beizubringen.“ Die drastische Botschaft mündet schließlich in der überaus praxisorientierten Forderung: „Amerika braucht Hybrid-Fahrzeuge!“ Seit kurzem fährt Huffington sogar selbst diese Variante, die 20 Prozent weniger Benzin verbraucht.

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