Welt : Auf ein Wort

Heute wird das Unwort des Jahres verkündet

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Eine Jury von Sprachwissenschaftlern teilt am heutigen Dienstag das Unwort des Jahres 2004 mit. Die Jury wählt aus 1218 eingereichten Vorschlägen aus. Am häufigsten genannt wurden die Begriffe „Hartz IV“ und „EinEuro-Job“. Die Zahl der Nennungen entscheidet jedoch nicht, welcher Begriff am Ende das Rennen macht. Im Vorgriff auf die Entscheidung hier ein paar Worte zur Güte:

Begrüßungszentrum

Nur wenn sich Politik mit Zynismus paart, können Worte entstehen wie: „Begrüßungszentrum“; ein Wort, dessen Klang die Realität verstellen soll. Denn begrüßt werden in des Wortes ursprünglicher Bedeutung wird niemand, in jenen „Begrüßungszentren“, die an der Küste Nordafrikas eingerichtet werden sollen. Im Gegenteil. Die, die dort anlanden, oft nach monatelanger Odyssee, sind unerwünscht, ein Ärgernis. Es sind Auffanglager, in denen sie sich wiederfinden, Endstationen. Und viele, die dort landen, werden gezwungen sein, Abschied zu nehmen von einem Traum, der Europa hieß. Dort, in Europa, gibt es wiederum viele, die das begrüßen. Aber dafür gibt es andere Worte … Vbn

Homosexuellenmilieu

Wie sich das schon anhört! Ja, hat denn schon einmal jemand etwas von einem „Heterosexuellenmilieu“ gehört? Wie lebt es sich denn in so einem Milieu? Und denkt man da auch gleich an Rotlicht, Schmuddelkram und Kriminalität? Mehrfach war im Zusammenhang mit dem Mord an Rudolph Moshammer in Agenturmeldungen, Zeitungsberichten und Fernsehnachrichten vom „Homosexuellenmilieu“ die Rede. Es ist das erste Unwort des Jahres 2005. Es gibt ein Strichermilieu, es gibt auch eine Schwulenszene. Aber es gibt kein Homosexuellenmilieu. Und übrigens genauso wenig ein Schwulenmilieu. Der „Bund lesbischer und schwuler JournalistInnen“ hat sich zu Recht über die Klischees und Vorurteile zementierende Formulierung „Homosexuellenmilieu“ mokiert. Wenn wir schon dabei sind: Weitere Unwörter des Jahres sind all jene mit diesem phallischen I in der Mitte. usi

Ökostalinist

Absolut kein beschönigendes Unwort, sondern eine herzhafte, im politischen Streit legitime und erfrischende Injurie, gemünzt auf Jürgen Trittin, der sich diese Watschn mit doktrinärer Geldvernichtungspolitik, flächendeckender Umweltverspargelung, leichthändigem Umgang mit selbsterfundenen Statistiken und pampiger Öffentlichkeitsarbeit redlich verdient hat. Dummerweise kommt das Wort aber von Michael Glos, der damit versehentlich die schwarz-grüne Annäherung torpedierte; seine CSU koaliert ja in Sachen Fortschrittsangst und Technikfeindlichkeit längst heimlich mit den Grünen. Insofern doch ein Unwort. Aber erklären Sie das mal jemandem. bm

Arschgeweih

Die Unwortwörter verschwinden meist ziemlich schnell wieder von der Sprachbildfläche. Es sind politische Modebegriffe. Dieses Wort aber wird bleiben. Ein Arschgeweih ist eine weit geschwungene Tätowierung über dem Steißbein, zur Zeit superbeliebt bei den Sexy-Girls. So eine Tätowierung geht aber nur schwer wieder weg. In 30, 40 Jahren wird es folglich über den gichtknotigen, weißhaarigen und lebenssatten Gesäßen der einstigen Sexy-Girls das so genannte „Altarschgeweih“ geben, mit hängenden Geweihspitzen, und das kann man dann prima zum altenfeindlichen Unwort des Jahres 2040 machen. mrt

Unwort

Ein Unwort wird gesucht, und heraus kommt – ein Wort. Nichts anderes ist es, was sich hinter dem sich selbst negierenden Begriff verbirgt. Man kann von Vorjahressiegern wie „Tätervolk“ oder „Ich-AG“ denken, was man will – sie sind allesamt eben keine „Un“-Wörter, sondern Wörter, von Menschen gemacht. So wie auch der „Unmensch“ in Wirklichkeit ein Mensch ist – eine Erkenntnis, die dessen grauenhafte Taten nicht verharmlost, sondern ausdrückt, dass es ein Vertreter unserer Spezies ist, der diese Taten begangen hat. Den Titel „Unwort des Jahres“ hätte deswegen in diesem Jahr das Wort Unwort verdient. lvt

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