Welt : Auf hohem Niveau

Überall tragen Frauen in diesen Tagen Stiefel. Selten hat sich ein Trend so dominant durchgesetzt

Grit Thönnissen

Wohin der Betrachter auch blickt, überall tragen die Frauen in diesen Tagen Stiefel. Selten hat sich ein Trend derart durchgesetzt. Viele tragen ihn zu engsten Jeans, die oben gerade noch die Hüften erreichen. Prominente haben es vorgemacht, zuvorderst Kate Moss, die einmal mehr stilbildend wirkt, und zuletzt Paris Hilton, die zwar kein Vorbild ist, sich dafür aber umso penetranter vor alle Kameras drängelt.

Sie alle tragen Stiefel. Und fingen schon im Sommer damit an. Dabei ist der Stiefel ein Schuh des Winters. Dass er wiederkommen würde, war eigentlich keine neue Nachricht – schon im vergangenen Jahr antwortete der Chef der Schuhfirma Buffalo, Michael Conradi, auf die Frage nach den wichtigsten SchuhTrends: „Stiefel, Stiefel, Stiefel.“ Dem ist für diesen Winter nichts hinzuzufügen – außer vielleicht ein paar Ausrufezeichen. Das ist ziemlich erstaunlich, denn Trends überdauern in unserer schnelllebigen Modewelt normalerweise nicht länger als eine Saison.

Das ist mit Stiefeln anders. „Im letzten Jahr haben wir Stiefel schon sehr gut verkauft, aber in diesem Herbst sind es noch mal 50 Prozent mehr, sagt Michaela Witz von der Hamburger Schuhhandelskette Görtz. „Er spielt eine große Rolle bei uns, für alle Altersgruppen und in jeder Preisklasse von 50 bis 500 Euro.“ Sogar Männer seien plötzlich wild auf Stiefel, zwar in der flachen Variante, um ihn unter der Hose zu tragen – „aber immerhin“, sagt die Marketingreferentin.

Der Stiefel, so scheint es, nimmt die Rolle des alten Turnschuhs ein. Den kann man ja bekanntlich auch seit ein paar Jahren zu allem tragen. Es gibt wahrscheinlich kein großes Modehaus, das inzwischen nicht eine Edelvariante des wohl bequemsten aller Schuhe auf den Markt gebracht hat. Jetzt, wo ihn jeder besitzt, ist man sich in der Modeszene einig: Turnschuhe nur noch im Notfall und zum Brötchenholen.

Der Sportschuh passte in eine Zeit – sie ist noch gar nicht so lange her –, als unentwegt deprimiert über Hartz IV und Prekariat geredet wurde und Geiz das Gefühl der Stunde war. Auch wenn noch immer Unsicherheit vorherrschen mag, die Menschen dürfen das Leben langsam wieder genießen, die Börsenkurse steigen, die Steuereinnahmen explodieren, die Arbeitslosigkeit sinkt, der Rubel rollt, die Leute können und wollen sich wieder etwas leisten.

Stiefel sind eher teure Schuhe. Und eigentlich soll er Schutz bieten. Genau dafür wurde er vor mehr als 500 Jahren zum ersten Mal genutzt: Jäger und Reiter trugen ihn als Beinschutz, später wurde er vor allem von Soldaten getragen. „Der Stiefel gibt Sicherheit – My Stiefel is my castle“, sagt Konrad Weißler, Pressesprecher des deutschen Schuhinstituts.

Wozu der Stiefel allerdings auch passe, sei die Renaissance des Angezogenseins, so Weißler. In der Mode wird wieder mehr Wert auf Qualität der Materialen und Verarbeitung und auf mehr Stoff gelegt, inklusive hochgeschlossener Anzüge und Kostüme. Da passt ein Mehr an Leder gut dazu.

Neu ist allerdings, dass sich die Mode in dieser Saison nach dem Stiefel richtet. Der Schuh gehört ja eigentlich zu den Accessoires, also zum Beiwerk der Mode. Deshalb präsentieren die Schuhhersteller normalerweise immer erst einen Monat nach den Modemachern ihre neuesten Produkte, um sich an den neusten Modeströmungen orientieren zu können. Aber diesmal ist das anders: Jetzt gibt es die Stiefelhose.

Sie sieht aus wie eine Sommerbermudas, ist aber aus winterlichen Tweed- und Flanellstoffen, knielang und weit. „Das ist die Saison der Stiefel und sie kommen unter den aktuellen Bermudas am besten zur Geltung“, beantwortet Emmanuel de Bayser, Einkäufer des edlen Modeladens „The Corner“ am Gendarmenmarkt, die Frage nach den Highlights der Saison. Konrad Weißler formuliert es noch etwas zwingender: „Zu diesen Hosen kann man gar nichts anderes tragen.“

Aber eigentlich kann man Stiefel in diesem Winter zu allem anziehen: Weiten knielangen Röcken, Minis, Reiterhosen, selbst zum Brautkleid werden sie im Trendbericht des Schuhinstituts empfohlen. Und in Kombination mit einem anderen unglaublich laut beschrienen Accessoire, der Leggins, können möglichst hohe Stiefel sogar versöhnlich wirken. Zu einem weiteren Verkaufsschlager, der Röhrenjeans, die so eng sind, dass gerade mal Fuß und Knöchel unten durchpassen, bleibt einem dann gar nichts anderes übrig, als die Stiefel über der Hose zu tragen.

Wie das geht, zeigt uns wie immer gern die Stilikone Kate Moss. Das britische Model wird nicht nur von Paparazzi oft und gern beim Einkaufen in Stiefeln jeder Spielart fotografiert, auch ihre Werbekunden setzen die Freundin von Pete Doherty in ihren aktuellen Kampagnen bevorzugt als Stiefelmodel ein. Bei Dior trägt Kate Moss derbe Motorradstiefel, bei Belstaff die elegantere Fliegervariante und für Versace posiert sie als Femme fatale in hochhackigen Overknees aus schwarzem Lackleder. Und die reine Andeutung eines Stiefels, eine bis zum Knöchel reichende Stiefelette, trägt inzwischen sogar ihren Namen. In Modemagazinen, Styling-Bloggs und natürlich beim Online-Auktionshandel Ebay wird die Stiefelette nur noch unter „Kate-Moss-Boots“ geführt.

Ob das Stiefelhoch bis zum nächsten Winter anhalten wird, hängt also vielleicht auch ein bisschen von der Beharrlichkeit des Models ab und natürlich auch von den Schwingungen in unserer Gesellschaft. Denn wenn Schuhwerk als Stimmungsbarometer für ganze Gesellschaften taugt, können wir nur hoffen, dass wir nicht in einen zu großen Optimismus verfallen. Dann stünden im nächsten Winter nur noch zehenfreie Sandalen in den Regalen der Schuhgeschäfte.

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