Welt : Auf Liebe gebaut

In der italienischen Stadt Terni liegen die Gebeine des heiligen Valentinus – heute schwören sich hier viele die Treue

Thomas Migge[Terni]

Nach Terni kommen nicht viele Urlauber. Das antike Städtchen mit heute rund 90 000 Einwohnern hat nicht so viel zu bieten wie andere Orte in der Ferienregion Umbrien. Im letzten Weltkrieg wurde ein großer Teil des historischen Stadtkerns bombardiert. Noch heute zeugen zerstörte Paläste von den Kriegsjahren. Bei einem Rundgang gibt es trotzdem einiges zu sehen. Im noch erhaltenen alten Stadtkern erheben sich die Reste der römischen Epoche und einige wenige barocke Palazzi und Kirchen zeugen von einer besseren Zeit.

Um trotz des bescheidenen Angebots Touristen in den Ort zu locken, legt Bürgermeister Paolo Raffaelli seine ganze Hoffnung auf ein paar uralte Knochen, die in einem kostbaren Behälter in der Basilika aufbewahrt sind.

Sie sollen von einem Mann names Valentinus stammen, der gleich zwei Beinamen besaß, Valentinus von Terni und von Rom. Der frommen Legende nach lebte er im dritten Jahrhundert. Im Jahr 269 soll er von römischen Soldaten getötet worden sein.

Die Geschichte dieses frühen Christen und seines Märtyrertodes kennt in Terni jedes Schulkind. Kaiser Claudius II. soll für seinen brutalen Tod verantwortlich gewesen sein. Die Knochen des ersten Bischofs von Terni wurden an der antiken Straße Via Flaminia in Höhe des zweiten Meilensteins beerdigt. Papst Julius III. errichtete im vierten Jahrhundert über diesem Grab die erste Valentinusbasilika. Die Verehrung des Heiligen, der immer wieder mit einem Schwert und einem Hahn dargestellt wird, basiert auf der Geschichte, wonach Claudius ihn deshalb ermorden ließ, weil es ihn gestört haben soll, dass Valentinus einen römischen Soldaten mit einer Christin vermählte.

Ob das stimmt oder nicht sei dahingestellt. Tatsache ist, dass sich mit den Jahrhunderten ein Valentinuskult herausbildete. Der Festtag des Heiligen, von dem außerhalb Italiens nur die Wenigsten wissen, wo seine Reliquien verehrt werden, ist der 14. Februar. Ein Datum, zu dem so viele Besucher nach Terni kommen, wie sonst das ganze Jahr über nicht. Mehrere hundert Paaren machen sich schon an dem Wochenende vor dem Valentinstag aus ganz Italien auf die Reise, um sich in der Basilika des Heiligen ein Liebesversprechen in die Ohren zu hauchen. Der Verkauf von Kerzen in der Kirche läuft in der so genannten „Valentinsperiode” so sehr auf Hochtouren, dass die städtischen Kerzenfabriken mit der Produktion nur schleppend nachkommen.

„Wir haben uns eine Kerze aus Mailand mitgebracht“, berichtet die Bankangestellte Flavia. Zusammen mit ihrem Kollegen und Verlobten Roberto ist sie am vergangenen Wochenende nach Terni gekommen. Die beiden wohnten in einer Frühstückspension und pilgerten in die Basilika. Zu Füßen des Reliquienschreins knieten sie nieder, beteten und stifteten ihre Kerze. Dann schworen sie sich ewige Treue. Bürgermeister Raffaelli schätzt, dass jedes Jahr rund 5000 Paare aus ganz Italien aus den gleichen Gründen wie Flavia und Robert nach Terni reisen.

Raffaelli weiß um die großen wirtschaftlichen Probleme seiner Stadt und versucht deshalb, den Valentinskult auszubauen. So propagiert er einen Markennamen für Terni. „Hauptstadt der Liebe“ heißt er und soll daran erinnern, dass der Patron aller Pärchen in Terni aufbewahrt wird.

Der städtische Markenname setzt sich vor allem bei den Geschäftemachern Ternis durch. So finden sich in diesen Tagen in den Auslagen von Konditoreien Torten mit der Zuckergussaufschrift „Hauptstadt der Verliebten“. Auch auf Plakatwänden prangen die drei Zauberworte, von denen sich der Bürgermeister mehr Tourismus in seiner von Arbeitslosigkeit und Firmenschließungen gepeinigten Kommune verspricht.

Vor allem Liebespaartourismus. So erarbeitet man derzeit im Rathaus, in Zusammenarbeit mit dem städtischen Verkehrsbüro, Sonderangebote für Pärchen-Kurztrips nach Terni. Organisiert werden Unterkunft, Verpflegung und ein Besuch in der Valentinsbasilika. Alles komplett mit zwei Übernachtungen in den unter Urlauberandrang nicht gerade klagenden Hotels der Stadt. Als kleines Geschenk soll es Plastikfigürchen des Heiligen der Verliebten geben. Dass auch das schwäbische Städtchen Krumbach behauptet, im Besitz der Reliquien von Valentinus zu sein, stört Bürgermeister Raffaelli herzlich wenig. „Die haben vielleicht einen einzigen Knochen“, meint er, „wir aber haben den ganzen Körper“.

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