Welt : Auf Schleuderkurs

Der Raserprozess geht in die zweite Runde

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Karlsruhe In der Neuauflage des Autoraserprozesses von Karlsruhe setzte der Angeklagte Rolf F. am Dienstag vor dem Landgericht alles auf eine Karte: „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich nichts mit dem Fall zu tun habe“, sagte der 35-Jährige und betonte: „Ich möchte, dass der Fall neu aufgerollt wird“. Der inzwischen von DaimlerChrysler entlassene Entwicklungsingenieur schlug damit das Angebot des Gerichts auf erhebliche Strafmilderung aus, wenn er auch nur ansatzweise die Verantwortung für den tödlichen Unfall einer jungen Mutter und ihrer kleinen Tochter übernehmen würde. Ob Rolf F. mit seinem Kurs gut beraten ist, scheint allerdings fraglich: Noch am Vormittag kam der von seinen einstigen Kollegen „Turbo-Rolf“ genannte Angeklagte wegen widersprüchlicher Angaben erheblich ins Schlingern.

Der sichtlich angeschlagene Mann, der sich über eine Laufbahn als Zeitsoldat und Panzerfahrer zum Entwicklungsingenieur hochgearbeitet hatte, musste gleich zum Prozessauftakt einräumen, dass viele seiner Zeitangaben zum Tag des tragischen Unfalls, falsch waren. Er habe sich einen „Zeitpuffer“ verschaffen wollen, um nicht als tatverdächtig zu gelten. „Sie haben sich die Zeiten zurechtgelegt, das ganze war eine Lügengeschichte“, resümierte der Vorsitzende Richter Harald Kiwull deshalb die früheren widersprüchlichen Zeitangaben des Angeklagten.

Um Zeitberechnungen wird es bei der Berufungsverhandlung vor allem gehen: Verließ der Angeklagte am frühen Morgen des 14. Juli das Werk in Sindelfingen um 5.29 Uhr, weil er laut Beleg der werkseigenen Tankstelle um 5.22 Uhr tankte? Oder erst sehr viel später, weil er nach eigenen Angaben noch das Auto aussaugte, Scheiben putzte und im Privatwagen nach einer CD suchte?

Waren die 80 Kilometer bis zum Unfallort mit dem 476 PS starken Mercedes Benz CL 600 Coupé in 31 Minuten zu schaffen, wie das Amtsgericht meint? Oder ist dies unmöglich, weil die Polizei bei einer Nachfahrt 41 Minuten brauchte, sich dabei allerdings an die Angaben des Angeklagten hielt, Tempolimits nur mit maximal 20 Stundenkilometer überschritten zu haben.

Fest steht, dass der Unfall um 6 Uhr morgens geschah: Einer der vier unmittelbaren Zeugen hatte sofort zum Handy gegriffen und die Polizei angerufen. Die Zeugen hatten beobachtet wie der dunkle Mercedes mit hohem Tempo auf den Kia der 21-jährigen Mutter und ihrer zweijährigen Tochter so dicht auffuhr, dass die Frau vermutlich vor Schreck von der Autobahn schleuderte und gegen einen Baum prallte.

Aufgrund weiterer Zeugenangaben zum Mercedes und Teilen des Kennzeichens konnte die Polizei den Wagentyp ermitteln und kam nach der Überprüfung von 300 Autos „Turbo-Rolf“ auf die Spur.

Einem Gutachten zufolge ist es allerdings gut möglich, dass „Turbo-Rolf“ den Unfall zwar verursacht aber subjektiv nicht mitbekommen hat: Rund sechs Sekunden lang sei die 21-Jährige bis zu ihrem Tod über die Autobahn geschleudert. In diesem Zeitraum sei der Mercedes schon bis zu 150 Meter weit entfernt gewesen und ohne Blick in den Rückspiegel hätte der Fahrer vom Unfallgeschehen nichts bemerkt, so ein Gutachter.

In den kommenden Tagen wird der im Stuttgarter Raum renommierte Verteidiger Georg Prasser versuchen, das in der ersten Instanz erstellte Weg-Zeit-Gutachten zu erschüttern und die Aussagen der Zeugen in Frage zu stellen.

Was Prasser aber nicht wird kleinreden können, ist das auffällige Nachtatverhalten des Angeklagten. Er musste sich übergeben, als er hörte, dass nach einem Auto seines Typs gefahndet wird, er telefonierte mit seinem Anwalt und er erkundigte sich bei Kollegen, ob Tankzeiten im Werk zeitlich erfasst werden.

„Der Unfall hat mich beschäftigt“ begründete er sein Verhalten am Dienstag vor Gericht. „Zugleich sagen sie aber, sie sind es nicht gewesen. Das ist ein Widerspruch!“, entgegnet Richter Kiwull. Gut möglich, dass „Turbo-Rolf“ vor Gericht ein zweites Mal ausgebremst wird.

Ob das Strafmaß von 18 Monaten ohne Bewährung dann milder ausfallen wird, ist vorerst völlig offen.

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