Welt : Auferstehen aus Ruinen

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Von Anna Schwan, New York

Sie strömen. Tausende von Menschen kommen aus allen Teilen der Stadt zusammen an dem riesigen Loch, in dem das World Trade Center stand. Sie sind hier, um sich zu verabschieden und den Opfern des Anschlags vom11. September eine letzte Ehre zu erweisen. Die meisten von ihnen reihen sich ein in die Menge am West Side Highway, da die unmittelbare Umgebung von Ground Zero nur Familienangehörigen der Opfer und Mitgliedern der Polizei und Feuerwehr zugänglich ist. Einige kennen sich von den Bergungsarbeiten, finden sich wieder, fallen sich in die Arme. Selbst auf den Terrassen der umliegenden Hochhäuser stehen Menschen. Viele tragen hawaiianische Blütenketten aus Orchideen, die an den Einlässen verteilt werden – den Trauerblumen im 50. Bundesstaat der USA.

Die Zeremonie soll nicht nur das Ende der Aufräumarbeiten symbolisieren, sondern auch einen Abschluss der Trauerzeit in New York. Die Stadt will wieder nach vorne schauen und sie braucht den Neuanfang. „Seit dem 11. September habe ich hier ununterbrochen gearbeitet“, erzählt Bauarbeiter Jimmy Nolal, „jetzt ist es geschafft. Ich denke, dass der Neuanfang besonders für uns Handwerker wichtig ist, damit wir das Grauen bewältigen können.“ Das sieht Bürgermeister Bloomberg genauso. „Wir werden nicht vergessen, wen wir verloren haben, aber wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber den Hinterbliebenen, den Wiederaufbau voranzutreiben“, sagte er kürzlich.

Ground Zero sieht inzwischen kaum anders aus als andere Baustellen auch, wenn da nicht die Schienen der U-Bahnen wären, die dort unten gefahren sind, oder die Ruinen der untersten Stockwerke, die nicht in sich zusammenfielen. Aufgeräumt ist hier mittlerweile, 1,8 Millionen Tonnen Schutt und Sand sind in den vergangenen acht Monaten abgetragen worden, mehr als 100 000 Lastwagen voll.

Am Dienstagabend entfernten die Bauarbeiter den letzten Stahlträger, ein Bruchstück des riesigen Trägers aus dem Herzen des zweiten WTC-Turms. Seitdem liegt er aufgebahrt wie ein riesiger Sarg auf einem offenen Lastwagen, bedeckt mit einem schwarzen Tuch, Blumengebinden und der amerikanischen Flagge. Die riesige Rampe, die von der Mitte des Platzes hinauf zur Straße führt und auf der der Schutt abtransportiert wurde, ist heute so feierlich geschmückt wie es für eine Baustelle möglich ist. Hier stehen die Betroffenen: Bauarbeiter, Bergungsarbeiter, Polizisten. Und natürlich die Ehrengäste: Rudolph Giuliani, der neue Bürgermeister Michael Bloomberg, Hillary Clinton und weitere US-Senatoren, der Polizei- und der Feuerwehrpräsident sowie Vertreter aller großen Religionen. „Rudi, Rudi“-Rufe sind immer wieder aus der Menge zu hören.

10 Uhr 29 Ortszeit: Die Feierlichkeiten beginnen in der Minute, in der der erste Turm des World Trade Center vollends in sich zusammengebrochen war. Eine Feuerglocke läutet 20 Mal das Signal für umgekommene Feuerwehrleute. Dann völlige Stille. Schweigend salutieren Polizisten, ruhig gedenken die Angehörigen der Opfer, geben sich Trost, halten Hände. Die Stadt scheint für einige Minuten stillzustehen. Langsam bewegt sich eine Eskorte mit einer leeren Bahre, Symbol für die etwa 1800 nicht identifizierbaren Opfer, die Rampe hinauf und schiebt sie in den wartenden Krankenwagen, der die anschließende Prozession den West Side Highway hinaus bis zur Canal Street anführt.

Der Lastwagen mit dem Pfeiler folgt. Ihm hinterher schreiten die Ehrenwächter von Polizei, Bergungskräften, Port Authority, Feuerwehr und Handwerkern. Am Himmel fliegt eine Hubschrauberformation, Dudelsackbands spielen „America the Beautiful“ beim Auszug aus Ground Zero. Als die Prozession an der wartenden Menge vorbeizieht braust Applaus auf. Nach 20 Minuten ist alles vorbei. Die Zeremonie war kurz, aber ergreifend. Bewusst wurde auf Reden und zu viel Nationalismus verzichtet, wenngleich die einzigen Fahnen, die es gab, amerikanische waren. Den vielen Ländern, die im World Trade Center vertreten waren, konntedas nicht gerecht werden. Aber es war bei dieser Veranstaltung ohnehin unmöglich, an alle zu denken. Im Vorfeld hatte es heftige Diskussionen um das Datum gegeben, das nun auf einen Wochentag fiel, da am Wochenende die verschiedenen Religionsgruppen ihre Feiertage begehen. Einige Angehörige wollten die Feierlichkeiten wegen des Zwists sogar boykottieren.

Die überwiegende Mehrheit jedoch war froh, sich ein letztes Mal offiziell verabschieden zu können. „Für mich ist die Trauer zwar noch lange nicht vorbei", meinte auch die 30-jährige Gina Pinos, die ihren Verlobten am 11. September verloren hat, „aber mit dieser Zeremonie wurde allen Betroffenen ein wundervoller Tribut gezollt.“

Fragt sich, was nun geschieht auf Ground Zero. Vorschläge gibt es: Knapp die halbe Fläche – der westliche Teil, wo die beiden Türme standen und die meisten Leben verloren gingen – könnte die Heimat der Gedenkstätte werden, während man den östlichen Teil als eine Mischung aus Gewerbe- und Büroflächen neu designen möchte. Aber viele Angehörige wollen nur dies: ein Monument.

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