Aufräumen nach "Sandy" : USA: Lange Wege bei der Rückkehr in den Alltag

Noch stehen die U-Bahnen in New York still, fahren nur wenige Busse. Doch die Menschen kehren langsam in ihren Alltag in Manhattan zurück – mit dem Taxi oder per Fahrrad. Manche in geradezu stoischer Ruhe.

Richard Mächtel
Nachdem "Sandy" vorbei gezogen ist, heißt es in New York: Aufräumen, bitte!
Nachdem "Sandy" vorbei gezogen ist, heißt es in New York: Aufräumen, bitte!Foto: dpa

Ein junger Mann arbeitet am Straßenrand der Central Park West Avenue an der Gangschaltung seines Mountainbikes. Erst am Morgen, erzählt der New Yorker, habe er sein altes Fahrrad wieder aus dem Keller geholt habe, um so zu seinem Architekturbüro in Chelsea zu gelangen. Er hat den Weg zur Arbeit auf sich genommen, obwohl er am frühen Mittwoch nicht einmal weiß, ob sein Büro wieder Elektrizität hat. „Ich muss es versuchen“, sagt er.

Seit Tagen ist die New York Subway außer Betrieb, das Bussystem kommt erst langsam wieder ins Laufen. Die Menschen aber müssen wieder an ihre Arbeitsplätze, nicht jeder traut sich mit dem Fahrrad auf die sturmgeschädigten Straßen. Die gelben Taxis sind derzeit die beste Möglichkeit, in Manhattan von A nach B zu kommen. Taxifahrer in Manhattan machen am Mittwoch nach „Sandy“ das Geschäft ihres Lebens.

Am Montagabend, unmittelbar vor Eintreffen des angekündigten Hurrikans, war das Geschäft unerwartet schlecht, schildert ein Taxifahrer. Die meisten New Yorker hatten sich an die Anweisung der Behörden gehalten, Zuhause zu bleiben. Er, der selbst in Brooklyn wohnt, konnte an dem Abend aufgrund der Sperrungen von Brücken und Tunneln nicht mehr nach Hause. So beschreibt er seine Fahrt durch ein menschenleeres Manhattan am Abend des Sturms. Seit Dienstag jedoch brummt das Geschäft. Es ist sehr schwierig, überhaupt eine der begehrten Taxifahrten zu bekommen. Eine Frau wartet nur wenige Meter weiter auf ihren Bus. Wartezeiten? Die Frau reagiert mit Gelassenheit, fast typisch für New Yorker, die Zwischenfälle gewohnt sind.

Die US-Ostküste nach Supersturm "Sandy"
Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.Weitere Bilder anzeigen
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03.11.2012 21:49Nach Hurrikan "Sandy" kommt die Kälte. Sturmopfer versorgen sich in einem Hilfscenter mit dem Nötigsten.

Der Central Park macht einen verwüsteten Eindruck und bleibt wohl auch die kommenden Tage geschlossen. Gebrochene Bäume liegen herum, Laub türmt sich auf den Gehwegen. Bisher scheint sich noch kein Parkgärtner hineingetraut zu haben. Weitere Bäume könnten brechen und herabfallende Baumstämme Arbeiter verletzen. Central Park Close, die Durchfahrt des Parks, bleibt bis zum 6. November geschlossen. Dennoch hat Bürgermeister Michael Bloomberg angekündigt, der New-Yorker-Marathon werde wie geplant am Sonntag stattfinden.

Eine französische Mutter, die ihre Kinder und zwei Umzugskartons zu ihrem Auto bringt, hat ganz andere Sorgen. Sie berichtet, dass die Schule und der Kindergarten wohl auch in den kommenden Tagen geschlossen bleiben werden. Sie selbst arbeitet in New Jersey, das ebenfalls hart getroffen wurde. Ihre Arbeitsstelle sei komplett außer Betrieb. Sie und ihr Mann nutzen die freien Tage jetzt, um mit ihren Kindern in eine größere Wohnung zu ziehen. Der Umzug war eigentlich für kommende Woche geplant. Die Familie hatte Glück, die 84. Straße an der Upper West Side, in der sie wohnen, wurde von dem Sturm kaum berührt. Ein Nachbar beschreibt, dass er die Stunden des vorüber ziehenden Hurrikans genutzt habe, um endlich mal wieder gut zu schlafen.

Nur wenige Straßen weiter, in der 87. Street West, hat der Sturm hingegen heftig zugeschlagen. Baumstämme liegen herum, zusammengedrückte Autos stehen am Straßenrand, Müllsäcke stapeln sich. Arbeiter der städtischen Reinigung räumen gerade abgebrochene Äste in ein Müllauto. Einer von ihnen berichtet, dass sie seit Sonntag ununterbrochen arbeiten. Auch unmittelbar vor und nach dem Sturm waren sie unterwegs. Die Aufräumarbeiten gingen nun vor. Der Abtransport von Hausmüll sei vorerst zweitrangig. Er selbst, der in Brooklyn wohnt, dürfte zwar mit einer Sondergenehmigung mit seinem Auto über eine Brücke nach Hause, aber bisher konnte er dies aufgrund des Dauereinsatzes nicht nutzen. „Ich schlafe in der Hauptstelle“, sagt er lachend. Er und ein Kollege nehmen die Aufräumarbeiten gelassen.

Ein junger Mann geht mit zwei Hunden an der Leine vorbei. Er wohnt in Downtown Manhattan im Distrikt C, eine der drei von den Behörden benannten Gefahrenzonen. Dort waren die Menschen zwar nicht angewiesen worden, ihre Wohnungen zu räumen. Aber aufgrund des Stromausfalls, der seinen Informationen nach das Gebiet bis zur 26. Straße an der Westseite und sogar bis zur 39. Straße an der Ostseite Manhattans betrifft, bleibt er seit Tagen bei seiner Schwester, die an der Upper West Side wohnt. Als Gegenleistung geht er mit den Hunden spazieren. Den New Yorkern liegt an ihrer Arbeit, und an ihren Hobbies. So laufen viele Jogger entlang der Parks oder durchbrechen die Absperrungen der Polizei, um die freien Stunden wenigstens als Vorbereitung für den Marathon zu nutzen.

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