Aufstand im Warschauer Ghetto : Mut der Verzweifelten

An Sieg denken sie natürlich nicht, doch wenigstens über ihren Tod wollen sie frei entscheiden. Kazik Ratajzer kämpft als Aufständischer im Warschauer Ghetto gegen die Deutschen. Als alles verloren ist, rettet er 40 Kameraden. Mit der Kraft eines 18-Jährigen, der lebte, als ob er unsterblich sei.

Agnieszka Hreczuk
Am 16. Mai 1943 meldet der deutsche Befehlshaber Jürgen Stroop die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto.
Am 16. Mai 1943 meldet der deutsche Befehlshaber Jürgen Stroop die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto.Foto: picture-alliance / Judaica-Sammlung Richter

Dünne, schmutzige Menschen klettern aus dem Abwasserkanal ans Licht, einer nach dem anderen, 40 insgesamt. Sie riechen nach Gosse und wanken vor Erschöpfung. Kazik Ratajzer treibt sie an. Es ist zehn Uhr morgens. Der Schacht, durch den sie nach oben gekrochen kommen, liegt in der Prosta-Straße, nur 100 Meter von der deutsche Wache entfernt. Menschen, die auf der Straße laufen, halten an und schauen neugierig. „Wenigstens verdecken sie uns vor den Wächtern“, denkt sich Ratajzer. Er ist ein paar Stunden zuvor aus dem Kanal gestiegen, hat einen Lastwagen organisiert, in den sie nun klettern.

40 schmutzige Juden fahren in einem Lastwagen durch ein Viertel, das nur für Deutsche ist, raus aus der Stadt Warschau, rein in den Wald.

Kazik Ratajzer ist heute 89 Jahre alt.
Kazik Ratajzer ist heute 89 Jahre alt.Foto: Agnieszka Hreczuk

Es ist der 10. Mai 1943. SS-General Jürgen Stroop muss in seinem Bericht vermerken, dass ein paar der Aufständischen, Banditen, wie er sie nennt, geflohen sind. Stroop, der den Aufstand im Warschauer Ghetto, begonnen am 19. April, schließlich am 16. Mai 1943 niederschlägt, notiert, dass die Männer trotz einer intensiven Verfolgungsjagd entkommen konnten. Unter ihnen auch Aufstandsanführer: Marek Edelman, Cywia Lubetkin, Hersz Berlinski.

Nun, 70 Jahre später, befindet sich der Eingangsschacht zum Kanal immer noch an derselben Stelle. Als Kazik Ratajzer hineinschaut, stinkt es genauso wie damals. Es ist auch genauso beängstigend eng und dunkel. Nur oben, auf der Straße, stehen keine Wachmänner mehr, sondern moderne Bürohäuser. Wenige Meter weiter erinnert ein Denkmal an das, was hier 1943 geschah. Ein Messingrohr, das aus dem Bürgersteig herausragt, als Symbol für den Kanal. Im Inneren Dutzende Hände, die sich an den Stufen einer Leiter festklammern, so wie damals.

Der schlanke, 89-jährige Kazik Ratajzer steht vor dem Rohr und einer Gedenktafel, kerzengerade aufgerichtet, wie ein Soldat. Sein Blick wandert über die eingravierten Namen derjenigen, die es damals aus dem Kanal herausgeschafft haben, und derjenigen, denen diese Flucht nicht gelang. Sein eigener steht ganz oben: Simcha Kazik Ratajzer-Rotem. Eigentlich sind es zwei Namen – für zwei Leben.

Als Simcha Rotem ist er erst nach dem Krieg, in Israel „neugeboren“ worden. Es sollte ein neuer Anfang sein, den neuen Namen wählte er symbolisch aus. Rotem war ein Baum, der dem Prophet Elias Schutz und Ruhe bot. Im früheren Leben, in Polen, hieß er Szymon „Kazik“ Ratajzer. Kazik war ein Pseudonym, ein populärer polnischer Name, den ihm seine Kameraden aus der Kampforganisation verliehen. Dieser Name wurde zu seiner Identität und bis heute nennt ihn beinahe jeder so.

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