Welt : Aus der Bahn

Warum Drängler wollen, dass andere ihnen Platz machen und das Vorankommen als persönlichen Triumph feiern

Gideon Heimann

Alltag auf der Autobahn: „Schade, der Termin ist nun doch nicht zu halten. Muss anrufen ... Moment mal, was ist denn nun wieder? Muss dieser Typ ausgerechnet jetzt an dem Lastwagen vorbei? Ist doch die ganze Zeit hinter mir hergetrollt. Junge, nun mach los. Hoppla, gar nicht gemerkt, wie schnell Tempo 180 sein kann. Hmm, wie lange dauert das denn, so einen Lastwagen zu überholen? Das Auto da, das kann doch gar nicht so schwach motorisiert sein? In der Fahrschule hieß es immer: Wer zum Überholvorgang ansetzt, muss wesentlich schneller sein als der, den er überholen will. Der ist es jedenfalls nicht. Mal mit Lichthupe probieren, vielleicht tritt er dann mal aufs Gas. Himmel, jetzt wird er auch noch langsamer, oder? Will er nicht, kann er nicht oder will er mich ärgern?“ Spätestens jetzt wird’s richtig gefährlich, denn nun droht einer jener Kämpfe auf den Autobahnen, die zu Verletzten und Toten führen können.

Ob es so eine Situation war, die am 14. Juli auf der A 5 bei Karlsruhe zum Tod einer 21-jährigen Frau und ihres zweijährigen Kindes geführt hat, ist noch nicht geklärt. Der 34-jährige Ingenieur von Daimler-Chrysler, von der Staatsanwaltschaft als Verursacher des Unfalls angeklagt, bestreitet seine Beteiligung. Die Sprecherin des Autoherstellers, Nicole Ladage, betonte der Agentur ddp zufolge, dass es sich „um keinen Testwagen und keine Versuchsfahrt, sondern um eine reguläre Dienstfahrt mit einem vom TÜV zugelassenen Wagen aus dem Fuhrpark des Konzerns“ gehandelt habe. Es gebe vom Konzern aus „keinen Auftrag, Fahrzeuge im Grenzbereich auf öffentlichen Straßen zu fahren“.

Was auch immer geschah, es muss vor Gericht geklärt werden. In der Diskussion um „Drängler“ und „Linksschleicher“ auf der Autobahn hingegen scheinen die Positionen unüberbrückbar. Nur eines haben die Kontrahenten gemein: Jeder fühlt sich unterwegs vom jeweils anderen genervt. Und das ist der entscheidende Punkt – denn die je nach Charakter mehr oder weniger starken Emotionen dämpfen die Vernunft.

Wenn das Verhalten des anderen dann noch als persönlicher Angriff gewertet wird, eskaliert die Situation zusehends. Aus einem kleinen, höchstens etwas Unmut erregenden Vorfall können sich Auseinandersetzungen unter Einsatz von Gewalt entwickeln – denn falsch gelenkt, ist ein bis anderthalb Tonnen schweres Auto durchaus eine Waffe, eine lebensgefährliche.

Aber was sind das für Menschen, die bereit sind, ihren Willen anderen auch mit gefährlichen Mitteln aufzuzwingen? „Undisziplinierte, und zwar in allen Spielarten des Normalen“, sagt Joachim Gürten von der Begutachtungsstelle für Fahreignung des Tüv Rheinland, Berlin und Brandenburg. In Mainz leitet er die Kurse für Nachschulung von „Punktesündern“.

Da gibt es zunächst die „Erfolgstypen“, bei denen alles nach ihrem Willen gehen muss. Zum Drängler werden sie, wenn sie das schnelle Vorankommen auch auf der Straße als Ausdruck von Kompetenz erleben. Andere müssen ihnen die Bahn frei machen.

Ähnlich strukturiert sind aber auch jene, die damit mangelndes Selbstwertgefühl kompensieren wollen, die sonst kaum Anerkennung erfahren. Dann muss dafür die Tatsache herhalten, es „von Berlin nach Köln in drei Stunden geschafft zu haben“, sagt Gürten. Und schließlich können auch jene zu Dränglern werden, die Angst davor haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil sie ihre Termine nicht einhalten.

Schnell zu fahren ist an sich nichts Verwerfliches, wenn das Verhalten an die Umgebung angepasst wird, stellt der Psychologe klar. Zu Problemen kommt es erst dann, wenn sich eine irrationale Anspruchshaltung gegenüber der Umwelt aufbaut: Der Betreffende wertet es als „Erfolg“, wenn er sich durch sein undiszipliniertes Fahrverhalten auf Kosten von anderen einen Vorteil verschafft und das nicht sofort geahndet wird. Das verfestigt die falsche Anspruchshaltung – die ihm unter Umständen gar nicht mehr bewusst wird.

Dass man sich über jemanden ärgert, der einem – womöglich ganz ohne ersichtlichen Anlass – den Weg versperrt, ist nur normal. Kritisch wird es erst dann, wenn sich daraus eine Wut entwickelt. Vollends irrational wird es, wenn der Wüterich seinen eingebildeten Gegner anschließend zum Beispiel durch Ausbremsen maßregelt. Denn das Drängeln sollte doch Zeit sparen, und die geht nun erst recht verloren.

Aber gibt es tatsächlich immer mehr Drängelei auf den Autobahnen? „Dass es dramatisch schlimmer geworden sei, lässt sich aus meiner Erfahrung nicht nachvollziehen“, sagt Gürten. „Im Flensburger Verkehrszentralregister sind immer um die acht bis zehn Prozent der Autofahrer insgesamt registriert – die meisten mit wenigen Punkten. Die Menge der Registrierten mit hohem Punktestand geht in den Promillebereich.“ Die meisten Menschen werden eben irgendwann erwischt und reißen sich zumindest so lange zusammen, bis die Punkte abgebaut sind.

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