Welt : Aus der Mitte entspringt der Strom

Am Sonntag wird der Drei-Schluchten-Staudamm geschlossen – die steigende Flut soll 400 Millionen Menschen Energie und Wohlstand bringen

Harald Maass[Sandouping]

Wachsoldaten mit weißen Schutzmasken vor dem Mund bewachen den Eingang zur Baustelle. Ein Lastwagen transportiert Erde und Schutt, Arbeiter in grünen Armeeuniformen malen die Gebäude mit frischer Farbe an. Eigentlich sollte hier, im Schatten der gewaltigen Mauer aus Beton und Eisen, in der kommenden Woche ein Staatsakt stattfinden: Nach sieben Jahren Bauzeit wird ab dem 1. Juni der größte Staudamm der Erde erstmals geflutet, bevor er 2009 seine endgültige Höhe haben wird. Auf 135 Meter wird das Wasser zunächst steigen und das Jangtse-Tal mit Hunderten ehemaligen Städten, Dörfern, Fabriken und Tempeln überspülen.

Doch Sars hat die Planungen über den Haufen geworfen. Aus Angst vor dem tödlichen Lungenvirus wurden sämtliche Feierzeremonien gestrichen. Pekings Führer wollen kein Risiko eingehen. Die Staudamm-Baustelle in Sandouping, die mit Tausenden Arbeitern und eigenen Kennzeichen für die Autos wie eine kleine Stadt wirkt, ist seit Wochen von der Außenwelt praktisch isoliert. Eine Gruppe von Regierungskadern und Experten aus Peking wurde extra mit einem Spezialflugzeug in die Provinz Hubei geflogen und von den Arbeitern fern gehalten. „Es wurden Vorbeugemaßnahmen ergriffen, aber sie wurden nicht unter Quarantäne gestellt“, sagt Pan Dazhong von der Drei-Schluchten- Damm-Baufirma.

Für die Millionen Menschen am Oberlauf des Jangtse wird die Stauung auch ohne Zeremonie ein einschneidendes Erlebnis. Einen Monat lang, bis Ende Juni, werde die Flutung vermutlich dauern, heißt es auf der Damm- Baustelle. Auf einer Länge von zunächst mehr als 400 Kilometern wird sich der Jangtse zu einen riesigen künstlichen See aufstauen. Jahrhundertealte Städte wie Fengjie, Wanxian oder Fengdu versinken für immer im braunen Flusswasser.

Mehr als 18 Milliarden Euro investiert China in das Projekt. Neben der Hochwasserkontrolle erhofft sich Peking von dem Damm vor allem wirtschaftliche Vorteile: 26 Generatoren sollen einmal 84,7 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren – soviel wie 15 Kernkraftwerke vom Typ Biblis, und damit ganz Zentralchina mit Energie versorgen. Die ersten vier Generatoren sollen bis Oktober den Betrieb aufnehmen. Durch den Stausee wird der Jangtse bis in die Industriemetropole Chongqing für Hochseefrachter schiffbar. Ein fünfstufiges Schiffshebewerk hilft den Frachtern, den Höhenunterschied von 115 Metern zu überwinden. Der Schiffsverkehr, so die Hoffnung der Planer, soll 400 Millionen Menschen im Jangtse-Gebiet wirtschaftlichen Aufschwung bringen.

Westliche Umweltgruppen und auch viele chinesische Kritiker bezweifeln die Prognosen. Sie befürchten eine Versandung des Stausees, und damit eine weitaus geringere Energieausbeute. Weil auch Tausende Fabriken, Mülldeponien und Kläranlagen von dem Wasser überspült werden, könnte der Stausee zur Kloake werden.

Das größte Problem ist jedoch die Umsiedlung der Menschen. 600000 Chinesen entlang des Jangtse wurden von den Behörden bereits umgesiedelt. Bis zum Jahr 2009, wenn der Bau des Drei-Schluchten-Staudammes insgesamt abgeschlossen sein wird und der Stausee seine Endtiefe von 175 Metern erreicht hat, werden vermutlich bis zu zwei Millionen Anwohner ihre Heimat verloren haben. Nie zuvor mussten so viele Menschen einem einzigen Bauwerk weichen.

Die meisten der Städte entlang des Jangtse sind bereits zerstört. Wohnviertel, in denen einst Zehntausende Menschen lebten, sind heute nur noch eine Wüste aus Steinen und Geröll. Oben in den Bergen entstehen die – „Xin Cheng“ – die „neuen Städte“. Mit dem Geld aus Peking wurden entlang des Jangtse neue Vorzeigesiedlungen gebaut, mit breiten Alleen und Betonsiedlungen in Pastellfarben.

Im alten Hafenviertel sollen alle Gebäude vor der Flutung abgerissen werden. Ein Arbeiter: „Aus dem Material, das wir hier finden, können wir neue Häuser bauen.“

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