Welt : Aus der Versenkung aufgetaucht

„Graf Zeppelin“ war der erste deutsche Flugzeugträger. Er wurde jetzt in der Ostsee gefunden. Legenden begleiten das Nazi-Schiff

Rainer W. During

Nach 49 Jahren ist der legendenumwobene, erste deutsche Flugzeugträger „Graf Zeppelin“ wieder aufgetaucht. Die polnische Marine hat bestätigt, dass es sich bei einem auf dem Meeresboden rund 55 Kilometer vor der Küste entdeckten Wrack um das seit 1947 verschollene, 250 Meter lange Schiff handelt, dass im Zweiten Weltkrieg nie zum Einsatz gekommen ist.

Geologen der Ölfirma Petrobaltic waren vor rund zwei Wochen unweit der Bohrinsel B3 auf das in 87 Metern Tiefe liegende Wrack gestoßen. In dieser Woche entsandte die polnische Marine das Hydrografie-Schiff „Arctowski“ zu der Fundstelle, die 30 Seemeilen vom Hafen Wadyslawowo entfernt liegt. Dessen Besatzung hatte vor zwei Jahren bereits das Wrack des Flüchtlingsschiffes „Steuben“ geortet. „Nach den Forschungen und Vergleichsanalysen der polnischen Spezialisten handelt es sich um den deutschen Flugzeugträger aus dem Zweiten Weltkrieg“, teilte das Marinekommando in Gdingen am Donnerstag mit.

Die „Graf Zeppelin“ war der erste von zwei deutschen Flugzeugträgern (Träger A und Träger B), die nie vollendet wurden. Über das Schicksal dieses Schiffs ist viel geschrieben worden. Unter anderen hat der Marinehistoriker Ullrich HansJoachim Israel das Buch „Graf Zeppelin – Einziger deutscher Flugzeugtraeger“ veröffentlicht. Der Träger A wurde 1935 vom Marinekonstruktionsamt unter Leitung des Diplomingenieurs Oherich entworfen. Noch im gleichen Jahr erging der rund 100 Millionen Reichsmark umfassende Bauauftrag des Oberkommandos der Kriegsmarine an die Deutschen Werke in Kiel. Dort wurde das Schiff am 28. Dezember 1936 auf Kiel gelegt. Zwei Jahre später, am 8. Dezember 1938, erfolgte beim Stapellauf in Anwesenheit Hitlers die Taufe durch die Tochter des Grafen Zeppelin, Gräfin Hella von Brandenstein-Zeppelin.

In anderen Ländern wie den USA, Großbritannien und Japan gab es damals schon schwimmende Flugplätze. Der Träger A sollte das größte deutsche Kriegsschiff werden und durch vier Brown-Boverie-&-Cie-Turbinen den mit insgesamt 200 000 Wellen-PS stärksten Antrieb der Welt erhalten. Vorgesehen war eine Geschwindigkeit von knapp 34 Knoten (rund 60 Stundenkilometern). Die Verdrängung des 36 Meter breiten Schiffes betrug bei einem Tiefgang von 8,50 Metern etwa 33 550 Tonnen. Die „Graf Zeppelin“ sollte über eine Besatzung von 1720 Mann verfügen, davon 342 Piloten und sonstige Angehörige des flugtechnischen Personals. Auf zwei Hallendecks gab es Platz für zehn MesserschmittMe-109T-Jagdflugzeuge, 13 Sturzkampfbomber Junkers Ju 87 und 20 Mehrzweck-Flugzeuge vom Typ Fieseler „Storch“. Sie sollten mit drei Aufzügen an Deck gebracht und durch zwei pressluftgetriebene Katapulte in 1,2 Sekunden auf eine Startgeschwindigkeit von 142 Kilometern beschleunigt werden.

Doch weder das Schiff noch der Antrieb wurden je vollendet. 1940 wurde von Hitler auf Drängen des Großadmirals Raeder ein erster Baustopp verfügt. Die Marine hatte sich nie so richtig mit dem Projekt anfreunden können, für das Hermann Göring als Luftwaffenchef deutlich größeres Interesse zeigte. Der zu 85 Prozent fertig gestellte Flugzeugträger wurde im Sommer nach Gotenhafen geschleppt und diente dort als schwimmendes Depot unter anderem für Edelhölzer. Nach dem erfolgreichen Kriegseinsatz britischer Flugzeugträger sollte die „Graf Zeppelin“ dann doch fertig gestellt werden und wurde im Dezember 1942 zurück nach Kiel geschleppt. Doch bereits nach wenigen Wochen kam das endgültige Aus, die Marine konzentrierte sich auf den Ausbau der U-Boot-Flotte. Der unvollendete Koloss wurde nach Stettin geschleppt und dort verankert. Vor der anrückenden Roten Armee wurde das Schiff 1945 in der Odermündung von deutschen Truppen durch die Zündung von Sprengsätzen versenkt. Um das, was danach geschah, ranken sich Legenden. Fest steht, dass der deutsche Flugzeugträger 1946 von russischen Spezialisten gehoben und nach Swinemünde geschleppt wurde. Zu den unterschiedlichen Versionen gehört, dass die „Graf Zeppelin“ als Zielschiff benutzt und durch Beschuss gezielt versenkt wurde. Nach einer anderen Variante ist sie, mit Kriegsbeute beladen, 1947 auf dem Weg in die Sowjetunion in der Ostsee auf eine Mine gelaufen. Zumindest die Berichte, nach denen das Schiff in Leningrad abgewrackt wurde, haben sich jetzt als unwahr erwiesen. Das weitere Schicksal der „Graf Zeppelin“ ist offen. Nach internationalem Seerecht würde das Wrack nach amtlicher Bestätigung seiner Identität in deutschen Besitz übergehen. Dann muss über die Erforschung und Bergung entschieden werden. Marineforscher wollen baldmöglichst Expeditionen starten. Im Bundesverteidigungsministerium gibt man sich zurückhaltend. Die Rechtslage werde noch geprüft, heißt es dort.

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