Welt : Aus voller Seele

„21 Gramm“ – dieser Film bringt Naomi Watts die erste Oscar-Nominierung. Und vielleicht endlich den Durchbruch

Daniela Sannwald

Cristina Peck schwimmt. Konzentriert krault sie Bahn um Bahn im Becken des eleganten Fitness-Clubs, mehr als jeder andere, als ob sie für einen Wettkampf trainierte. Aber Cristina trainiert nicht, sie schwimmt ums Überleben. Wenn sie aus dem Wasser kommt in ihrem schwarzen Badeanzug und die blonden Haare schüttelt, dann sieht man eine vor Kummer abgemagerte Mittdreißigerin, unfähig zur Kontaktaufnahme. Cristina Peck hat bei einem Autounfall ihren Ehemann und ihre beiden Töchter verloren; nur das Schwimmen rettet sie davor, in ihrem Leid zu ertrinken. Eines Tages spricht sie jemand an, der ihr schon eine ganze Weile zugesehen hat. Cristina weiß nicht, dass es der todkranke Philosophieprofessor Paul ist, in dessen Brust jetzt das Herz ihres geliebten Mannes schlägt. Sie greift nach dem Strohhalm, den er ihr hinhält.

Liebe und Fassungslosigkeit

„21 Gramm" ist eine Geschichte um Liebe, Tod, Schuld und Vergebung, und Naomi Watts ist die beeindruckende Darstellerin der jungen Witwe. Sie spielt Fassungslosigkeit, Zorn und Verdrängung, jedes Stadium der Trauer. Sie spielt Depression, Abwehr, Hysterie in feinen Abstufungen. Sie spielt Misstrauen und Hoffnung, Angst und Mut – und sie schwimmt. Naomi Watts, schlank bis zur Hagerkeit, mit Löchern in den Wangen und einem gehetzten Ausdruck in den Augen, zeigt in einer meisterlichen, zurückgenommenen Performance, was Verzweiflung ist, und bringt ihr Publikum zum Weinen. Ein guter Griff des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzales Iñárritu, dessen gefeierter Erstling „Amores Perros" dazu führte, dass er „21 Gramm" in Hollywood produzieren durfte und außer Naomi Watts auch Sean Penn für die Rolle des Herzempfängers und Benicio del Toro als Mörder von Cristinas Familie verpflichten konnte. Alle drei Schauspieler sind für Oscars nominiert.

Erstaunlich, dass die 1968 in der englischen Grafschaft Kent geborene Naomi Watts bisher nicht als Star gilt, obwohl sie bereits 1986 zum ersten Mal vor der Kamera stand, allerdings in Australien. Dorthin nämlich zog ihre Mutter, als sie vierzehn war, und dort begann auch ihre Karriere, zunächst als Darstellerin in Werbespots. Bei einem Casting-Termin lernte sie Nicole Kidman kennen, mit der sie bis heute befreundet ist. Doch während Kidman längst zu den am häufigsten besetzten Darstellerinnen Hollywoods gehört, kennt man Naomi Watts dort erst seit ihrem Auftritt in David Lynchs künstlich verrätseltem Film „Mulholland Drive" (2001). Darin spielte sie mit Bravour ihre Partnerin Laura Elena Harring an die Wand: als naives Blondchen, das nach Hollywood kommt, um zum Film zu gehen. Süß, niedlich und adrett wie ein Cheerleader konterkarierte Naomi Watts die lasziv-verruchte Ausstrahlung ihrer brünetten Partnerin, eine Femme fatale im Stil der 1940er Jahre. Im finsteren, labyrinthischen Lynch-Kosmos wirkte Naomi Watts mit ihrer Frische und Munterkeit deplatziert, erhielt aber gerade deshalb die enthusiastischsten Kritiken. Danach engagierte man sie für den Horrorfilm „The Ring", in dem sie eine Journalistin auf der Spur einer todbringenden Video-Kassette spielte.

Prominente Partner – Heath Ledger, Orlando Bloom und Geoffrey Rush – hatte sie erstmals in der australischen Produktion „Ned Kelly" (2003), der den als Volkshelden gefeierten Bankräuber porträtiert.

Demnächst wird man sie, wieder an der Seite von Sean Penn, in „The Assassination of Richard Nixon" bewundern können, und in einem von „Der Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson inszeniertem „King Kong"-Remake spielt Naomi Watts das Opfer des Riesenaffen – eine würdige Nachfolgerin von Faye Wray.

„21 Gramm" wird der schönen, aber stets ein wenig hart wirkenden Darstellerin den endgültigen Durchbruch verschaffen, auch wenn sie den Oscar nicht gewinnen sollte. Zwar sieht man dank der wenig schmeichelhaften, fahlen Beleuchtung, mit der Iñárritu gearbeitet hat, jede Falte, jede Hautunreinheit und jeden Augenring, aber Naomi Watts kann das tragen: Sie hat sich immer noch ein wenig von der Frische aus „Mulholland Drive" bewahrt, auch wenn sie jetzt eine ganz andere, viel erwachsenere Rolle spielt. Verdient hätte sie den Oscar allemal.

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