Ausbeutung : Afrikas verlorene Kinder

Putzen statt Schule, Schläge statt Zuwendung: In Westafrika arbeiten schon Fünfjährige als Hausmädchen.

Ulrike Scheffer
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Westafrika: Die ganz normale Arbeit eines kleinen Mädchens.Foto: photothek.net

BerlinVon einem Achtstundentag kann Thérèse nur träumen. Von der Schule oder einer ordentlichen Berufsausbildung würde die 14-Jährige nicht einmal zu träumen wagen. "Ich muss morgens um vier Uhr aufstehen und arbeite bis zehn Uhr abends, ich wasche Wäsche, putze, gehe auf den Markt und hüte die Kinder", erzählt das Mädchen aus Guinea in Westafrika. Thérèse arbeitet als Hausmädchen – und sie ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) müssen in Guinea mehr als 70 Prozent aller Kinder mindestens zwei Stunden am Tag arbeiten, die meisten sind Mädchen, Hausmädchen wie Thérèse.

"Das Problem existiert aber nicht nur in Guinea, sondern in ganz Westafrika", sagt Juliane Kippenberg, Kinderrechtsexpertin von Human Rights Watch. Zwischen besonders armen Staaten wie Mali und vergleichsweise wohlhabenden an der Küste habe sich ein regelrechter Kinderhandel etabliert. Die Menschenrechtsorganisation hat am Freitag einen Bericht über die Ausbeutung von Hausmädchen veröffentlicht. Das Ergebnis ist schockierend: Allein in Guinea leben Zehntausende Mädchen unter unwürdigen Bedingungen bei Verwandten oder Fremden, viele werden geschlagen oder sexuell missbraucht. "Jedes Mädchen, mit dem ich sprechen konnte, hatte Narben", berichtet Kippenberg, die das Schicksal von Thérèse und vielen anderen Mädchen dokumentiert hat. Lokale Menschenrechtsgruppen halfen ihr, rund 40 Mädchen zu treffen und zu befragen – so auch die Neunjährige Rosalie, die ein regelrechtes Martyrium durchlebt: "Manchmal schlagen mich meine Arbeitgeber, oder sie beschimpfen mich", erzählt sie. "Wenn ich sage, ich bin müde oder krank, schlagen sie mich mit einer Peitsche. Auch, wenn ich etwas falsch mache, schlagen sie mich. Wenn ich mich ausruhe, bekomme ich weniger zu essen."

Vor allem Familien vom Land, so fand Human Rights Watch heraus, schicken ihre Töchter zur Arbeit in die Städte, weil sie das Schulgeld für sie nicht aufbringen können oder Bildung für Mädchen ohnehin für überflüssig halten. Manche Mädchen sollen sich durch die Arbeit auch ihre Mitgift verdienen. Die wenigsten jedoch erhalten tatsächlich Geld von ihren Arbeitgebern. Schon Fünfjährige geraten in einen Teufelskreis von Arbeit und Gewalt aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Deshalb schlägt Human Rights Watch nun Alarm. "Deutschland hat sich während der EU-Ratspräsidentschaft für das Thema Kinderrechte stark gemacht, in Ländern wie Guinea könnte sie dieses Engagement nun vor Ort einlösen", sagt Kippenberg. In Guinea ist der Zeitpunkt für eine Intervention günstig: Das Land hat seit März 2007 eine neue Regierung, die versprochen hat, den Rechtsstaat zu erneuern und sich um die Probleme von Jugendlichen zu kümmern. "Berlin sollte mit der neuen Regierung sprechen und darauf drängen, dass diese ihre Verantwortung gegenüber den ausgebeuteten Kindern wahrnimmt." Im deutschen Entwicklungsministerium wird der Bericht von Human Rights Watch derzeit noch analysiert. Hier verweist man jedoch darauf, dass mit deutscher Unterstützung die Einschulungsrate von Mädchen in Guinea auf 66 Prozent in Jahr 2004 gegenüber 25 Prozent im Jahr 1990 gestiegen sei. "Außerdem werden junge Mädchen, die Schwierigkeiten in der Schule haben, gezielt unterstützt. Damit wird verhindert, dass sie die Schule frühzeitig verlassen und arbeiten gehen müssen", sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel.

An der Situation der Hausmädchen dürfte sich ohne Druck von außen kaum etwas ändern, denn in westafrikanischen Gesellschaften gilt es als normal, dass Mädchen in fremden Haushalten arbeiten. Sogar Richterinnen und Regierungsangestellte beschäftigten Hausmädchen, so Kippenberg. Sie plädiert allerdings nicht dafür, die Mädchen generell nach Hause zu schicken. Wenn sie gut behandelt würden und neben der Arbeit zur Schule gehen könnten, hätten sie vielfach bessere Zukunftsperspektiven als bei ihren Familien. "Es geht darum, die gröbsten Missstände zu beseitigen", sagt Kippenberg. Arbeitszeiten müssten begrenzt, die Tätigkeiten beschränkt und Schulen für ältere Mädchen geschaffen werden. Angesichts der alltäglichen Gewalt gegen Hausmädchen fordert sie aber auch: "Es müssen endlich auch Fälle vor Gericht gebracht werden."