Welt : Ausgetickt

Malte Lehming

Am Mittwoch gegen Mittag ging Peter Odighizuwa in den zweiten Stock der "Appalachian School of Law", einer juristischen Universität in einer Kleinstadt namens Grundy im äußersten Westen des US-Bundesstaates Virginia. Seit etwa anderthalb Jahren lebte der 43-jährige Vater von vier Kindern in Grundy. Zuvor hatte er als Taxifahrer in Chicago gearbeitet. Die Universität hatte der Einwanderer aus Nigeria im Internet entdeckt. In Grundy verdiente er nebenbei ein bisschen Geld in einem Supermarkt, bei den rund tausend Bewohnern des Ortes war die Familie allerdings bekannt für ihre finanziellen Sorgen.

Im zweiten Stock der Universität liegen die Büros der Professoren. Mit einem der Lehrkräfte, Dale Reuben, sprach Odighizuwa über seine Zensuren. Die waren - wie schon im vergangenen Jahr - erneut so schlecht, dass er exmatrikuliert werden sollte. Als die Unterhaltung gegen 13 Uhr 15 beendet war, sagte der Student zu Professor Reuben: "Beten Sie für mich!" Dann ging er zum Büro des Direktors, zog eine halbautomatische Pistole und drückte aus kurzer Entfernung ab. Danach erschoss er einen zweiten Professor und lief die Treppe herunter. Als vier Kommilitoninnen versuchten, ihn zu überwältigen, schoss er wieder. Im Kugelhagel starb die 33-jährige Angela Denise Dales, drei andere Studentinnen wurden verletzt. Mit Wunden in Rücken und Brust wurden sie später ins Krankenhaus gebracht. Der Amokläufer wurde schließlich von drei Studenten außer Gefecht gesetzt und so lange festgehalten, bis die Polizei eintraf.

"Er hat sie abgeschlachtet", meint entsetzt der Arzt und Gerichtsmediziner Jack Briggs. Er war als einer der Ersten am Tatort. Bei Briggs, der sich nach seiner Zeit in der Marine in Grundy niedergelassen hatte, war Odighizuwa in medizinischer Behandlung gewesen. "Jeder kannte diesen Kerl", sagt der Arzt, "er war ein schwieriger Mann, eine tickende Zeitbombe." Schon seit Monaten hatte der Todesschütze unter starkem Stress gelitten. "Aber dass es zu so etwas kommen würde, ahnte ich nicht", sagt Briggs.

An der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Grundy sind 170 Studenten eingeschrieben. Vor fünf Jahren wurde die Law School in dieser abgelegenen Gegend gegründet. Früher war hier die Kohleindustrie, aber der geht es seit langer Zeit nicht gut.

Also entwarf die Gemeinde ein Revitalisierungsprogramm für die Region. Unter anderem wurde eine alte Schule renoviert und für die neue Jura-Uni, die dort einzog, kräftig um Lehrkräfte und Studenten geworben. Als Direktor konnte Anthony Sutin gewonnen werden. Er und seine Frau, Margaret Lawton, avancierten bald zu Lieblingen der kleinen Stadt. Sie engagierten sich nicht nur an der Universität, sondern auch intensiv am Kirchen- und Gemeindeleben. Erst vor wenigen Tagen waren sie aus China zurückgekehrt, wo das Ehepaar ein 14 Monate altes Kind adoptiert hatte. "Tony" Sutin war "unglaublich nett, hilfsbereit und hat sich in einem außerordentlichen Maße für das Gemeinwohl eingesetzt", erinnert sich die ehemalige Justizministerin der USA, Janet Reno. Sie kennt ihn aus der Clinton-Zeit. Sutin, der sein Jura-Studium 1984 in Harvard beendet hatte, war Wahlkampfberater des Ex-Präsidenten. 1992 arbeitete er für die Demokratische Partei in Washington sowie für Bill Clintons Präsidentschaftskampagne. Nach Grundy verschlug es ihn, weil er eine neue Aufgabe suchte.

"Das ist eine wahrhaft ironische Tragödie", sagt Kent Markus, ein langjähriger Freund von Tony, der mit ihm schon in Harvard ein Zimmer geteilt hatte. "In diesem Fall ist das Opfer einer der großherzigsten Menschen, die man sich denken kann. Sein ganzes Leben lang wollte er anderen Menschen dienen." In Sutins Sinne wäre es wohl auch gewesen, das Universitäts-Experiment jetzt nicht voreilig abzubrechen. "Zu seinem Vermächtnis gehört es, dass wir weitermachen", sagt einer der Gründer. Um die vier Kinder von Odighizuwa kümmert sich das Jugendamt.

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