Welt : Ausstellung: Mit Genen spielen

Malte Lehming

Die Menschen in dem mit Neonlicht hell erleuchteten Raum sind von den anderen Museums-Besuchern durch eine dicke Glasscheibe getrennt. Wer draußen steht, kann nur sehen, was drinnen passiert. Einige Jugendliche drücken sich ihre Nasen platt. An acht farbigen Tischen sitzen je sechs Personen.

Die Tische haben Namen. Der grüne heißt Adenin, der gelbe Guamin, der blaue Cytosin und der rote Thymin. Das sind die vier Nukleotide, aus denen sich die Desoxyribonukleinsäure (DNS) zusammensetzt, die Trägerin der genetischen Information. Die DNS eines Menschen wird in diesem Raum sichtbar gemacht. Das dauert etwa 20 Minuten. Wer will, kann seine DNS danach mit nach Hause nehmen.

Das Verfahren ist einfach. Als erstes ziehen alle Teilnehmer Plastikhandschuhe an. Dann spülen sie mit Salzwasser eine halbe Minute lang den Mund. Die mit Zellen angereicherte Flüssigkeit spucken sie in ein Reagenzglas. Eine medizinische Assistentin fügt eine Seifenlauge hinzu, damit sich die Zellmembran löst. Schließlich wird 70-prozentiger Alkohol in das Reagenzglas geträufelt, um die noch diffuse DNS vom Rest der Flüssigkeit zu trennen. Als letztes müssen die Teilnehmer durch Rühren mit einer Glaspipette die diffuse DNS binden. Die klebt am Ende der Pipette. Appetitlich sieht sie nicht aus - die nächste Gruppe, bitte.

Das gläserne "Labor", in das die Besucher strömen, ist Teil einer ungewöhnlichen Ausstellung, die am vergangenen Wochenende im "American Museum of Natural History" in New York eröffnet wurde. Sie heißt "The Genomic Revolution" und zeigt alles, was man wissen muss, um für das "Jahrhundert der Biologie" (Museumsdirektorin Ellen Futter) gewappnet zu sein. Es ist die größte Genom-Ausstellung, die es jemals gab. Sogar eines der allerersten DNS-Modelle, das deren Entdecker James Watson und Francis Crick Anfang der fünfziger Jahre gebaut hatten, ist im Original zu sehen.

Etwas weiter in den verschachtelten, futuristischen Gängen stehen die goldenen Turnschuhe von Michael Johnson, dem schnellsten Menschen der Welt. Der Titel dieser Sektion lautet "Hoffnungen und Ängste". Diskutiert wird unter anderem die Frage, wie schnell ein Mensch laufen könnte, wenn seine Gene entsprechend manipuliert werden.

Recht auf Klonen für alle

Ganz interaktiv wird der Besucher in solche und ähnliche Probleme ständig mit einbezogen. An insgesamt drei großen Abstimmungs-Stationen wird er aufgefordert, seine eigenen Reaktionen zu testen. Etwa: Sind Sie dafür, die Intelligenz eines Kindes durch Genmanipulation zu erhöhen? Eine Mehrheit ist dagegen. Sind Sie dafür, die Gesundheit eines Kindes durch Genmanipulation zu stärken? Eine Mehrheit ist dafür. Der Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit wird in dieser Ausstellung nicht befriedigt.

An manchen Stellen geht es geradezu gruselig zu. Vor einer überdimensionalen Fruchtfliege, die so groß ist wie ein Mensch, steht eine DNS-Doppelhelix mit bunten Verstrebungen. Durch Drehen an diesen Verstrebungen kann der Besucher einige Gene der Fruchtfliege verändern. Mal wächst ihr ein Horn, mal fehlen ihr die Flügel, mal passiert nichts. Gleich daneben wird beschwichtigt: Ohne Mutationen gibt es keine Evolution. Mutationen sind auch etwas Natürliches.

Durch Horrorfilme wie "Frankenstein", "Die Fliege" oder "Der Angriff der Killer-Ameisen" ist die Einstellung vieler Menschen zu künstlicher Kreatürlichkeit und verändertem Erbmaterial negativ geprägt worden. Die New Yorker Ausstellung stellt diesen Ängsten eine erfrischende Portion Sachlichkeit sowie eine irritierend naive Heilsversprechung gegenüber.

In zwanzig Jahren, so heißt es etwa auf digitalen Spruchbändern, könnte die allgemeine Lebenserwartung um 50 Prozent gestiegen, viele Operationen überflüssig geworden und die meisten Verbrechen durch DNA-Tests aufgeklärt worden sein. Außerdem ließen sich ausgestorbene Tierarten durch Klonen wiederbeleben und Nahrungsmittel durch Genveränderungen perfektionieren. Kritische Stimmen, wie die des rührend unermüdlichen Jeremy Rifkin, tauchen nur am Rande auf. Die Geschichte der Eugenik wird auf einer einzigen Stellwand abgehandelt.

Trotzdem ist es beeindruckend, wie plastisch die Ausstellungsmacher ihr Thema präsentieren. So sperrig und abstrakt das Sujet an sich ist, so sinnlich nachvollziehbar hat es das Museum aufbereitet. Gleich am Anfang stößt der Besucher auf eine DNS-Doppelhelix, die aus 142 New Yorker Telefonbüchern besteht. Würde man alle Anschläge daraus zusammenzählen, käme man auf etwa 3,2 Milliarden - so viele chemische Informationsbausteine bilden das menschliche Genom.

Ebenso anschaulich wird die Arbeitsweise von Genen, Chromosomen, Zellen und Eiweißen erklärt. Über den Stand der Forschung klären in Video-Interviews Privatgelehrte wie Craig Venter und Experten vom staatlich unterstützten Genom-Institut auf. Eltern berichten über ihre Erfahrungen mit diagnostischen und manipulativen Methoden. Viele dieser Aussagen gehen unter die Haut. Erlauben? Verbieten? Einfache Antworten hält das Genom-Jahrhundert nicht bereit.

Auch nicht in Amerika - wo die Gen-Diskussion allerdings eher pragmatisch als moralisch geführt wird. Außerdem geht hier von dem Neuen generell meist eher Faszination aus als Besorgnis. Die embryonale Stammzellen-Forschung etwa ist nicht verboten. Bei Neugeborenen sind einige Gen-Untersuchungen sogar obligatorisch. Und die Firma "Microsort" im Bundesstaat Virginia trennt bei der künstlichen Befruchtung auf Wunsch der Eltern die Spermien so exakt, dass entweder zuverlässig ein Junge entsteht oder ein Mädchen.

Bedenken dagegen gibt es kaum. Denn das Recht auf ein individuelles Streben nach Glück - inklusive das Recht, sich ohne Einmischung des Staates fortzupflanzen - ist ebenso in der Verfassung verankert wie die Forschungsfreiheit. Juristisch ist es deshalb auch sehr umstritten, ob sich zum Beispiel das reproduktive Klonen überhaupt verbieten lässt. Die US-Bundesbehörde dürfte wohl aus Sicherheits- und Effizienzgründen einschreiten, nicht aber aus grundsätzlichen ethischen Erwägungen.

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