Welt : Autobahn im Kopf

Der Autor Tom Levine setzt sich mit Rennrentnern, Porsche Cayenne und einparkenden Frauen auseinander

Bernd Matthies

Jeder Autofahrer hat ein Universum von Theorien und Vorurteilen im Kopf: Dass die andere Schlange immer die längere ist, dass Frauen nicht einparken können, dass das Reißverschlussprinzip nichts als Ärger macht und die Polizei sich lieber um die wichtigen Dinge kümmern sollte – solche Sachen. Das reicht für den Stammtisch und manch saugroben Fluch. Aber ist es deshalb schon automatisch alles dummes Zeug?

Der in Düsseldorf lebende Autor Tom Levine hat sich der titanischen Aufgabe unterzogen, Licht in dieses von Benzin umnebelte Dunkel zu bringen. „Planet Auto“ heißt sein jetzt erschienenes Buch, in dem er die Ergebnisse umfassender Recherchen in einen lockeren, bisweilen komischen Plauderton verpackt.

Es gibt in Europa eine unglaubliche Menge von Experten, die sich mit nichts anderem als Verkehr und Verkehrspsychologie befasst. Levine war anscheinend bei allen. Jedenfalls erweist es sich beim Lesen des Buchs als völlig zwecklos, weitere eigene, hochoriginelle Theorien zu entwickeln, denn sie stehen alle schon drin.

Für alle autofahrenden Stoiker ist dieses Werk pure Lebenshilfe. Denn sie erfahren beispielsweise, dass der statistisch schnellste Weg durch den Stau mittendurch führt und nicht über irgendwelche Navigationssystem-Geheimtipps. Statistisch allerdings bedeutet: Es kann im Einzelfall auch anders sein, ebenso wie bei den Fahrspuren im Stau, auf denen sich die Autos statistisch gesehen gleich schnell voranbewegen. Doch wer Glück hat, kann durch ständiges Wechseln in die aktuell schnelle Spur einen Haufen Zeit sparen.

So geht es die ganze Zeit. Ja, aber: Ja, der aggressiv-rücksichtslose Autofahrer fährt am unfallträchtigsten, aber fast so gefährlich wie er ist sein liebster Feind, der unsicher-ungeschickte Autofahrer mit Hut und Mantel. Noch gefährlicher als sie alle ist der „White Van Man“, der gehetzte Lieferfahrer, der als Typus in England definiert wurde – der dann doch wieder nur ein Medienphänomen sein soll. Der Nagel-Schreckenberg-Effekt beschreibt den Aufbau eines Staus aus dem Nichts – doch er ist unter Experten längst als viel zu einfaches Modell zu den Akten gelegt worden. Ebenso geht es dem Reißverschluss, der ein ganz probates Modell für Stauvermeidung ist, aber dummerweise nur unter bestimmten Bedingungen.

Levine macht das sehr persönlich. Demnach pflegt er eine Abscheu gegen den Volksmusik-Moderator Florian Silbereisen, gegen Rentner im Porsche Cayenne und den VW Phaeton allgemein. Leser, die das anders sehen, wird es hoffentlich erbosen. Allerdings lernen wir, dass wir uns genauso mit einem angestaubten Saab lächerlich machen können, denn auch der ist Zeichen für eine starke emotionale Bindung an das Auto – nur eben mit den Konnotationen „Bildung“ und „Individualität“. Allenfalls Autos wie der Hyundai Accent bieten einen Ausweg, doch Levine kann verständlicherweise keinen Grund nennen, weshalb man ein solches Fahrzeug sonst kaufen sollte.

Eine andere große Frage wirft er auf, vermag sie aber ebenfalls nicht einmal ansatzweise zu klären: Warum müssen die Berliner Parkscheinautomaten unweigerlich mit 25-Cent-Teilbeträgen gefüttert werden und spucken, falls das nicht geschieht, alles Geld wieder aus? So schließen wir, beglückt und erheitert, das Buch: Manche Dinge sind eben so. Und niemand wird jemals wissen, warum.

Levine, Tom. Planet Auto. Riemann I. Bertelsmann, 2007. 18 Euro

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